ABC der Fotografie

Heute wurde sie mir wieder gestellt: Die offenkundig unausweichliche Frage in Zusammenhang mit meiner Arbeit als Fotograf in Bremen: Wie wird man ein guter Fotograf? Im Grunde kann jeder sein eigenes fotografisches Sehen trainieren, verfeinern und erweitern. Jeder wird in der Lage sein auf kurz oder lang eine eigene Bildsprache und Ästhetik zu entwickeln. Um Euch dabei ein wenig zu unterstützen habe ich (mit viel väterlicher Liebe!) einen ungemein hübschen ABC-Ratgeber zusammengestellt, welcher alle für mich wichtige Punkte der kreativen Fotografie zusammenfasst. Heute:

A WIE „ABTAUCHEN“

Die Fotografie ist weitaus mehr als „Handwerk“. Was mein ehrenwerter Kollege Henning Wüst zuletzt in seinem Gastbeitrag anmerkte, zählt für mich zu den wichtigsten Punkten in der kreativen Fotografie. Und praktischer Weise fängt es auch gleich mit „A“ an. Er nennt es „Flow“ ich bezeichne es gerne als „Abtauchen“. Es ist eine Art Rauschzustand ohne jegliches zutun illegaler Drogen. Ihr könnt Alkohol, Tabletten und Co. vergessen: Die Realität ist Droge genug – egal ob man auf der Straße oder im Studio fotografiert, ob spontan oder vorbereitet, ob in der Heimatstadt oder weit entfernt am anderen Ende der Welt: Im Moment des „Abtauchens“ denke ich nicht mehr an Einstellungen oder an weitere Ideen – ich setze alles in Echtzeit um. Es gibt keine Sekunde mehr, wo ich über Perspektive und Bildaufbau nachdenke. Alles, was in meinem Kopf entsteht wird sofort von meinem Körper umgesetzt. Jeder, der dieses Gefühl je beim Fotografieren verspürt hat, weiß, wovon ich spreche. Man wird süchtig – weshalb ich die Umschreibung mit einer „Droge“ als sehr zutreffend empfinde. Erst wenn das „Abtauchen“ beginnt entstehen bei mir Fotografien, mit denen ich selbst hundertprozentig zufrieden bin.

Nur: Wie kommt man dahin? Ganz einfach: Loslassen. Sich tragen lassen. Das emphatische Empfinden einschalten und nicht mehr denken, sondern fühlen. Den Schalter dafür kann man nicht mit Gewalt einschalten. Das Drücken des Auslösers muss – Achtung, kitschig! – aus dem Herzen kommen. Ich verspüre dieses Gefühl kurioser Weise immer dann, wenn ich mich in zerstörten oder extrem verwohnten Gebäuden aufhalte. Dann vergesse ich alle möglichen Gefahren und bin wie hypnotisiert. Moderne Ruinen faszinieren, elektrisieren mich und bringen mich in einen anderen Wesenszustand. Ganz extrem war das beim spontan entdeckten Dragon Palace Restaurant. Hier (genauer: Eine Etage tiefer) ist eine selbstgebaute Bombe explodiert. In diesem Restaurant lag noch das Essen auf den Tellern und in der Küche standen noch die Töpfe und Pfannen auf dem Herd. Ein faszinierender Ort.

Auch im Atelier oder in der Stadt gehe ich gerne „Abtauchen“. Aber vorprogrammiert ist es immer in den Ruinen. Habt ihr auch solche Orte?! Oder ähnliche Erlebnisse? Ich bin gespannt!

ABC DER FOTOGRAFIE
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