Neu und negativ: Die Allgemeinkritik. Das Leben ist kein Ponyhof und als ich in Deinem Alter war, war eh eh alles anders und besser. Aber ich bin ja auch nicht Du. Dinge, die mich aufregen.

Heute: Behürden.

Freunde, eigentlich ist das Leben als Selbstständiger wirklich nicht schwer. Man wirbt, arbeitet rund um die Uhr und lässt Tag für Tag die Gedanken um eigene Ideen kreisen, die sich im Kopf entwickeln. Wenn man alles richtig macht, wird man von der Agentur für Arbeit sogar noch gefördert und geliebt.

Doch: Der Weg IN die Selbstständigkeit gleicht einem furiosen Finale eines nervenaufreibenden Thrillers (Ich ziehe an dieser Stelle gerne den Vergleich zur „Nagelfeilenszene“ in „Black Swan“). Was soll der bürokratische Unsinn, dieses nicht weiter definierbare Chaos und die einhellige stupide Art und Weise der Arbeit?!

Am heutigen Tage habe ich mein Gewerbe angemeldet – rückwirkend, da das Gewerbeamt keinen passenden Termin hatte. Bei der Agentur für Arbeit habe ich einen sogenannten „Gründungszuschuss“ beantragt. Um diesen Gründungszuschuss für sich zu beanspruchen benötigt man neben fundierter Kenntnisse innerhalb seiner Branche auch eine Begläubigung und einen Businessplan. Und eben eine Gewerbeanmeldung.  Offiziell Selbstständig bin ich dann ab heute. Jubel. Freude. Heiterkeit. Nicht.

Ich hab es mir mal wieder zu einfach vorgestellt. Ich dachte mir: Hej, Phil. Du fährst heute mit Charlie Winston im Ohr und einem Lächeln im Gesicht in die Innenstadt, kommst aufgrund Deines Termins fix ran und hast binnen einer Stunde Deine Gewerbeanmeldung. Jubel. Freude. Heiterkeit. Nicht.

Denn: 1. gibt es technische Probleme, 2. ist die Behörde aufgrund vieler Krankheitsausfälle radikal unterbesetzt und 3. muss der Warteraum ja auch mal benutzt werden.

Und wie der benutzt wird. Der große Warteraum mit seinen gefühlten 200 qm ist bestuhlt und besetzt. Überbesetzt. Unterbestuhlt. Und – die Technik ist kaputt. Zwar hört man minütlich eine feminine Stimme, die alle „Bürger“ bittet zu warten und alle „Bearbeiter“ bittet, das Programm zu schließen. Abwechselnd. Und doch muss der arme Mann vorn an der Eingangstür jeden Namen mehrfach brüllen, damit er zwischen Stühlen und Menschen nicht verhallt.

Die Frau gegenüber schaut mich misstrauisch an. Mein Hut und dunkler Anzug gehört offensichtlich nicht in diese Zeit. Sie beginnt ein Gespräch mit der Schülerin neben mir: „Sie hätten ja wenigstens einen Getränkeautomaten hier hin stellen können. Und das dauert… Hach… Und dauert!“. Ihr Ehemann pflichtet ihr bei: „Joa, ne. Das dauert. Ein Getränkeautomat wäre hier doch schön, nech? Drüben ist ja ein Bäcker. Aber da können wir ja nicht hin.“ „Ja, dann würden wir unseren Aufruf verpassen. Einen Getränkeautomaten könnten sie hier aber schon hinstellen.“ „Joa.“ – Die Schülerin wurde zwar von der Dame gegenüber angesprochen, doch spricht bisher selbst kein Wort. Wie auch – das Ehepaar unterhält sich super. In einer Gesprächspause, irgendwann zwischen Getränke- und -Automat, findet sie die sehr weisen Worte: „Wieso? Hier ist es warm, ich hab einen Platz zum sitzen.“

Peng – das hat „gesessen“. Ich muss kurz aufgrinsen. Wie recht sie doch hat. Alle regen sich auf. Dabei ist es doch nur ein technisches Problem. Das meine Einstellung offensichtlich falsch war, sollte sich wenige Stunden später – als ich rankam – herausstellen. Meine Gewerbeanmeldung bekomm‘ ich nämlich nicht. Ich habe ja keinen Eintrag in der Handwerksrolle. Handwerks… was?

Die Handwerksrolle. Der Eintrag kostet einigen bürokratischen Aufwand (Sprich: Ausweis ausstellen) und kostet daher – vollkommen berechtigt – 75 Euro. Haha. Jubel. Freude. Heiterkeit. Nicht. Naja, unfreiwillig komisch ist es ja schon. Nun, obwohl ich mit den Nerven bereits jetzt völlig am Ende bin bitte ich um einen weiteren Termin am Nachmittag, so ich denn den Eintrag in die Handwerksrolle heute vornehmen kann.

Also: Auf zur Handwerkskammer. Auf dem Weg dorthin schießen mir alle dunklen Mächte mit Maschinengewehren in den Kopf: Du bist kein ausgebildeter Fotograf – Du bekommst den Schein nicht. Die Mediengestalterausbildung reicht dafür nicht. Du bist raus. Du bekommst keinen Zuschuss. Du darfst Dich nicht mehr Fotograf nennen. Du hast das Geschirr zuhause noch nicht abgewaschen. Meine Ängste nahmen zu – und ich an Geschwindigkeit auf.

Dort angekommen gibt es einen überraschend-freundlichen Empfang: Dort sitzt für mich einem mit seinen Flügeln schlagenden Engel gleichkommend, eine gute Freundin und die Retterin des heutigen Tages: Alexandra lächelt – und ich hab einen Termin. Der ebenso freundliche Berater versichert mir, dass ich als Fotograf durchaus arbeiten kann und wir den Antrag heute noch durchbekommen – ich muss nur alle Dokumente dafür vorlegen. Was für ein Glück!

So geht es zurück ins herrliche Gröpelingen. Dort hab ich nun eine Stunde Zeit um alle relevanten Dokumente zusammenzusuchen und zu kopieren. Danach geht es wieder zur Handwerkskammer. Hier stellt mir eine freundliche Dame nun das ersehnte Dokument aus. Schade, falsche Adresse. Vor meinen flehenden Augen schneidet sie das wichtige Papier in Fetzen. Eine Träne kullert innerlich, meine Nase läuft äußerlich. Sie schenkt mir eine Packung Papiertaschentücher. Vielen Dank. Der zweite Versuch endet sodann auch in einer für den restlichen Tagesverlauf sehr wichtigen Feststellung: Ich habe meinen Eintrag – und zahle ab jetzt jährlich 180 Euro Mitgliedsbeitrag. Jubel. Freude… Aber wen sag ich das. Immerhin wird mir versichert, dass ich im ersten Jahr als Existenzgründer keine Gebühr zahlen muss und ich in den folgenden Jahren erst langsam an den Höchstbetrag herangeführt werde. Vielen Dank Nummer zwei.

Zurück zum Gewerbeamt. Im Warteraum haben sich inzwischen Staub und Spinnweben auf die noch immer wartenden „Bürger“ gelegt und ein Mann in dunkler Robe spielt auf einer imposanten Orgel eine Bearbeitung von Mozarts Requiem. Kleiner Scherz. Wieder eine halbe Stunde Wartezeit. Dann komm ich ran. Endlich! Jetzt kann es also losgehen! Endlich bin ich offiziell… Warum guckt diese nette Dame so skeptisch?

„Sie haben sich erst heute bei der Handwerkskammer gemeldet?“

Ich versinke im Stuhl und meine eben noch gen Himmel zeigenden Mundwinkel stürzen sich missmutig in den Freitod. Ich fasse den weiteren Gesprächsverlauf kurz und knapp zusammen: Behörde telefoniert mit Behörde und stellt fest, dass Behörde eigentlich Behürde heißen müsste. Und wenn sie das nicht festgestellt haben, so kam mir diese Bezeichnung zu diesem Zeitpunkt in den Sinn. Es wird viel geredet, geklärt und meine Daten ausgetauscht und am Ende hab ich meinen Gewerbeschein. Wahnsinn. Jubel. Freude. Heiterkeit. Martini. Luftschlangen. Konfetti.

P.S.: Übrigens war das alles tatsächlich eine sehr kurze Fassung der Dinge, die heute passiert sind. Nicht mit aufgeführt: Fremdenfeindliche Anspielungen wartender „Bürger“, genervte Mitarbeiter im Amt, Zeitdruck aufgrund eines Termines bei der Agentur für Arbeit, sehr nette Bearbeiterin in der Handelskammer, die schwierige Suche nach dem Abschlusszeugnis (Es lebe der Umzug!), verlaufen beim Auffinden der nächsten Stationen. Für genauere Infos ruft mich doch einfach kurz an. ;) Aber Achtung – Jetzt bin bin ich in Feierlaune!

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