Gegenrede // Scheitern am eigenen Horizont

Text: Phil Porter // Fotos: Oliver Schweers

In all der Aggressivität, in welcher mitunter das Leben seine Wellen schlägt, langweilige ich mich, bin ich unterfordert mit den Dingen, die einem rund um die Uhr wach halten, weil sie gesellschaftlich relevant, für mich aber uninteressant sind. Von allen Seiten sprudelt es an Meinungen hervor, Quellen der Weisheit ergehen sich in Straßen-Cafés an unbedeutenden Leitfäden einzelner Temperamente und Themen und schwappen an den Empfängern vorbei als unverständliche Kakophonie auf die Straße.

Die eigene Meinung gleicht der Wiege der Erkenntnis.

Sobald ich mir eine Meinung gebildet habe, fühle ich mich im Sachverhalt zuhause, ist das Terrain für mich abgesteckt, ist die Route für mich klar erkennbar.

Orientierungslos möchte heute keiner mehr erscheinen und das Ändern des Gedankenganges auf der Schatzkarte der Weisheit bedeutet womöglich auch, Risiken einzugehen, Fehler einzugestehen und den unbequemen Weg zu wählen. Doch wer hat dafür noch den Mut – geschweige denn Zeit?

Der Dialog wurde von der Diskussion getötet!

Das Wort Diskussion entstammt dem lateinischen discussio und bedeutet frei übersetzt soviel wie „Untersuchung“ oder auch „Prüfung“. Die Pistole ist also bereits auf die Brust des Dialogs gesetzt. Der Dialog nämlich, ein friedfertiger Bruder der Diskussion, geht auf das altgriechische dialégesthai zurück, „sich unterreden“. Während der Dialog also auf ein Gespräch aus ist, möchte die Diskussion lieber gleich Ergebnisse haben. Während der Dialog frei sein will, ist die Diskussion fokussiert und begrenzt.

Der Dialog im Netz ist inzwischen nicht mehr als eine Fata Morgana: Unter jedem Wort arbeiten sich User in hitzigen Kommentaren ab, bewerten die ohnehin knapp formulierten Ansichten fremder Diskutanten so, wie einst eiserne Herrscher mit ihren Daumen über Leben und Tod inmitten jaulender Menge ihre Urteile zu fällen vermochten.

Die eigene Meinung ist wertlos ohne die Zweite, die sie in Frage stellt.

Ein gutes Gespräch möchte alles sein: Die unterhaltsame Pointe, der bloßstellende Fakt, die Rührende Anekdote. Vor allen Dingen aber braucht ein gutes Gespräch offene Fragen, was wiederum ein ernsthaftes Interesse am Gegenüber ebenso erfordert wie die eigene Lernbereitschaft. Ein Gespräch und Widerrede ist monoton wie eine weiße Leinwand ohne Farbe.

Der eigene Horizont verbietet einem das gute Gespräch. Um dieses zu führen, müsste man ihn erweitern und sich über den Graben wagen, der einem sonst schützend umgibt. Ein Dialog also möchte keinen der Gesprächspartner bloßstellen, vielmehr möchte er aufzeigen, was gedanklich möglich ist.

Wo Ausrufezeichen beenden, statt dass Fragezeichen ermöglichen, ist keine Gesprächskultur zu erwarten. Die eigene Meinung bringt einen nicht weiter. Es sind die anderen Meinungen, die uns zum Nachdenken bringen.

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