HASHTAG
Heute: #Schönheit

In unserer Rubrik HASHTAG gehen wir zu einem bestimmten Thema in Stellung und möchten von Euch wissen: Teilt ihr unsere Ansicht, oder habt ihr andere Erfahrungen gemacht?

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Hashtag #Schönheit

Nachdem ich mit dem letzten Hashtag (#vertrauen) auf das Vertrauensverhältnis zwischen Model und Fotograf sowie auf die Authentizität eingegangen bin, möchte ich mich heute der Verantwortlichkeit der Fotografen im Bezug auf die heutigen Schönheitsideale widmen. Gleich zu Anfang: Ich befinde mich im Bezug auf diese Thematik in einem kleinen Dilemma, dazu aber später mehr.

DIE KUNST ALS INITIATOR

Die ästhetischen Maßstäbe einer Gesellschaft sind immer fließend. Die Wahrnehmung ändert sich von Tag zu Tag. Neue Stilikonen kommen und gehen, die Öffentlichkeit giert stets nach neuen Konventionen, nach neuen Stilen und Facetten. Einen schönen Überblick über die einst gefeierten modischen und körperlichen Vorzüge der Gesellschaft bietet die Kunstgeschichte: Welche Schönheitsideale wann en vogue waren, lässt sich gut anhand der einzelnen Stilepochen nachvollziehen. Besonders interessant ist allerdings die Tatsache, dass bestimmte Ideale erst durch die Kunst gesellschaftsfähig geworden sind.

Künstler haben seit jeher nicht nur die Gegenwart dokumentiert sondern sie in gewissem Maße auch infiltriert. Als Künstler ist man – diese Behauptung stelle ich einfach mal in den Raum – oft idealistisch veranlagt. Besonders heute hat Kunst viel mit Idealismus zutun, ist die Kunst doch im modernen Verständnis mehr denn je eine Art Sprachrohr und Ventil. Künstler sind auf neue Sichtweisen und Perspektiven aus. Die Avantgarde, die Intellektuellen und Provokateure haben uns viele neue Denkansätze und neue kulturelle Standards beschert. Ob gute oder schlechte, sei hier mal dahingestellt.

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TRICKSPIEGEL DER VERANTWORTLICHEN

So kommen wir also zum Dilemma: Das aktuelle Schönheitsideal, welches seit den neunziger Jahren immer zwischen dünn, jung und groß changiert, wird nach wie vor von vielen Künstlern gepflegt. Ein neuer Ansatz ist nicht zu erkennen – im Gegenteil: Es muss für viele scheinbar noch dünner, noch jünger und noch größer sein. Die Haut hat in der medialen Wahrnehmung keine Poren mehr, die Zähne sind perfekt. Ein wahrer Schönheitskult ist entstanden, den sich kaum noch einer zu widersetzen mag. Die Künstler haben die Verantwortlichkeit an die Medien weitergegeben, ohne vorher Bescheid zu sagen. Das Ergebnis: Keiner sagt, wann Schluss ist. Dies bezeichne ich als Dilemma: Mein privates Dilemma liegt darin, dass ich als Fotograf im künstlerischen Sinne Perfektion anstrebe. Dies geschieht vielmehr auf der stilistischen als auf der plakativen ästhetischen Ebene.

Selbstverständlich werde ich gebeten, Fotos zu retuschieren, die Haut zu straffen, Fettpolster zu entfernen. Doch inwieweit beschädige ich dadurch die Selbstwahrnehmung jedes einzelnen Menschen? Allen voran natürlich denen, die dies von mir fordern. Und darf man die Frage stellen: Fordern sie es zurecht? Besteht ein Grundanspruch auf Täuschung?

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VERFÜHRUNG KONTRA VERANTWORTUNG

Aus psychologischer Sicht ist der Schönheitskult eine große, wenngleich auch verführerische Gefahr. Allein der Umstand, dass das Straffen und Glätten zur Selbstverständlichkeit geworden ist, zeigt eindeutig, wie unwohl wir uns fühlen müssen. Ein Gefühl für den eigenen Körper, den eigenen Charakter und die herrlichen Merkmale, die uns zu Individuen machen, existiert kaum noch. Der Wunsch besteht offenkundig in der Masse der Werbegesichter aufzugehen.

Und ich? Ich stehe zwischen den Stühlen, weiß mich nicht so recht einzuordnen. Tatsächlich bearbeite auch ich Gesichter und Proportionen. Doch radikale Retuschen gibt es bei mir nicht und wird es nie geben. Vielleicht bin ich ja auch einer der Künstler, die nach vorn schauen und sich in dieser Zeit vor allen Dingen eines wünschen: Weniger Trickspiegel, mehr Ehrlichkeit und ganz viel Charakter.

Was meint ihr: Besteht ein Grundanspruch auf Täuschung? Würdet ihr ein Foto von Euch mögen, welches unbearbeitet in Eure Hände fällt?

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