Offener Brief an Lübbo Roewer, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Bremen

Lieber Herr Roewer,

Ich bedanke mich für Ihre Stellungnahme im Artikel „Eine Frage des Risikos? Kritik an Blutspende-Verbot für Schwule“ vom 16.02.2016 in der Print- und Digitalausgabe des „Weser-Kurier“.

Sie beziehen sich mit Ihren Äußerungen auf meinen Kommentar: „Ich bin minderwertig – weil ich schwul bin.„.

Im Artikel geht es um die kritische Auseinandersetzung des Blutspende-Verbotes für Homosexuelle. Nachdem mein Team und mich sowohl in den sozialen Netzwerken als auch per Mail viele Nachrichten zu dem Thema erreicht haben, möchten wir Ihnen gerne mit diesem offenen Brief einige Fragen und Gedanken unserer Leser weiterleiten. Wir möchten Ihnen mit diesem Brief die Möglichkeit geben, sich ausführlich und detailliert zu äußern, was freilich in einem Zeitungsartikel allein nicht immer möglich ist.

Ihre Aussagen wirken leider stark verkürzt – und da auch wir mehr zu sagen haben, als es in den Artikel gepasst hätte, vermuten wir, dass auch das Deutsche Rote Kreuz Bremen eine geweitete Sicht auf die Gesetzeslage und Ihrer Verantwortung gegenüber den Spendenempfängern hat.

Sie behaupten, dass „Homosexuelle […] ein höheres Risiko für Infektionskrankheiten wie Aids [haben]“ und dass „aus medizinischer Perspektive […] der Ausschluss von Homosexuellen zu begründen [ist]“.

Leider bleiben Sie uns genau diese Begründung schuldig.

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) stellt hierzu fest:

„Der generelle Ausschluss homo- und bisexueller Männer von der Blutspende hat ein hohes Diskriminierungspotenzial. Sexuelle Beziehungen zwischen Männern sind nicht per se ein Sexualverhalten mit einem hohen Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, daher ist ein genereller Ausschluss homo- und bisexueller Männer von der Blutspende nicht gerechtfertigt. Vielmehr muss ein individuelles und konkretes Risikoverhalten festgestellt werden. Es ist selbstverständlich, dass die Sicherheit der Blutkonserven oberste Priorität hat. Das Risiko bemisst sich aber nicht nach homo- bzw. heterosexuellen Sexualpraktiken, sondern danach, ob diese „safe“ oder „unsafe“ sind. Statt aufgrund einer bloßen Zugehörigkeit zu einer „Risikogruppe“ muss der Ausschluss von der Blutspende aufgrund eines konkretes unsafen Verhaltens erfolgen. Mehrere Bundesländer haben sich inzwischen dafür ausgesprochen, den generellen Ausschluss von homo- und bisexuellen Männern von der Blutspende aufzuheben. Die Bundesärztekammer muss ihren Widerstand gegen eine entsprechende Überarbeitung der Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie) aufgeben.“

Gerne würden wir von Ihnen erfahren, warum der Analsex zwischen Männern gefährlicher sein soll als der zwischen Mann und Frau. Wir sind der Ansicht, dass die Gefahr nicht von homosexuellen Männern ausgeht, sondern vom ungeschützten Sex zweier Personen. Würden Sie dem zustimmen?

Grundsätzlich sei erwähnt, dass Heterosexualität und Homosexualität keine lebenslang festgesetzten Dogmen sind, denen sich jeder Mensch mit der Geburt verpflichtet. Im Gegenteil: Sexualität ist etwas flexibles, individuelles und weitaus komplexeres als es die gängige Kategorisierung auf die Dauer erfassen könnte.

Übrigens: Nur ein paar Seiten weiter im Weser Kurier des 16.02.2016 findet sich der Artikel „Das Blut wird knapp“ (1) in dem Ihre Kollegen Tobias Lüttig und Andrea Neumann dazu aufrufen dringend Blut spenden zu gehen, damit es nicht zu dramatischen Engpässen komme.

In den letzten zehn Jahren gab es exakt zwei Infizierungen durch Blutkonserven und dass bei geschätzten 7,5 Millionen Bluttransfusionen.(2)

Es ist nicht zu leugnen, dass sich zumindest in Deutschland mehr Männer beim Sex mit dem gleichen Geschlecht infizieren, als beim Verkehr zwischen Mann und Frau. Doch von vornherein alle homosexuellen Männer von der Blutspende weiterhin auszuschließen halten wir aber für einen falschen Weg. Der richtige Weg wäre womöglich, schwule Männer spenden zu lassen, das Blut wie bei heterosexuellen Herren zu testen und auch im Fragebogen auf die Ehrlichkeit zu plädieren, welche man Heteros nach momentaner Gesetzeslage mehr zutraut als homosexuellen Menschen.

Außerdem stellen Sie die Frage in den Raum, ob „wir tatsächlich doppelt so hohe Kosten im Gesundheitswesen [wollen]“, wenn das Blut von Homosexuellen ebenfalls geprüft werden würde.

Dabei vergessen Sie allerdings, dass viele Homosexuelle schon jetzt (illegal) Blut spenden und es somit nicht zu einer Kostenexplosion kommen wird. Wir würden zudem gerne erfahren, welche konkrete Kostenaufstellung Ihnen vorschwebt, wenn Sie von „doppelt so hohen Kosten“ sprechen?

Sie sagen selber, dass es „Am Ende […] um das mögliche Opfer, das nicht infiziert werden will [geht]“. Wir stimmen da mit Ihnen überein und ergänzen, dass es auch um die „Opfer“ geht, welche dringend auf frisches Blut warten und keines bekommen.

Sie vermitteln mit Ihrem Statement den Eindruck, dass Ihnen jede dieser Personen keine angeblichen Mehrkosten wert sind. Das ist eine harte Aussage, die Sie sicher nicht so gemeint haben können. Wir möchten Ihnen gerne die Gelegenheit geben, sich in aller Ausführlichkeit zu erklären.

Wie würden Sie folgende Punkte beurteilen (Richtig / Falsch):
– HIV hat nichts mit der sexuellen Neigung zutun.
– Sexuelle Präferenzen können sich im Laufe eines Lebens ändern.
– Homosexuelle von vornherein auszuschließen widerspricht meinem Verständnis unseres Grundgesetzes.
– Portugal, Lettland und Polen erlauben die Blutspende von homosexuellen Männern ohne Wartezeit
– Spanien und Italien erlauben die Blutspende von homosexuellen Männern mit Wartezeit
– Homosexuelle Männer haben nicht eine größere Anzahl wechselnder Partner als heterosexuelle Männer
– Fallzahl an infizierten Personen durch Infusionen viel zu gering um repräsentativ zu sein (sogar unter 10 Personen).
– Gegenbeweis zu den ärztlichen Studien sind die vielen ungezählten Homo- und bisexuellen Männer, die sich als Heterosexuell ausgeben um ihr Blut zu spenden und trotzdem niemanden anstecken.
– Da die höhere Gefährdung mitunter auch durch Analsex erklärt wird: Wie viel Prozent heterosexueller Männer haben Analsex mit ihrer Partnerin? Warum dürfen diese dann trotzdem spenden?
– Aids war noch nie eine „Schwulen-Seuche“ sondern schon immer das böse Erwachen fehlender Aufklärung und freier Liebe ohne Kondome – frei von sexueller Präferenz.

Aus welchen Gründen treten Sie nicht für die Werte ein, die nicht nur Sie und insbesondere das DRK hochhalten sollten. Sie haben für mich als Stellvertreter des DRK eine Vorbildfunktion – ein schönes Esszimmer obendrein – Geben Sie sich einen Ruck – Sie könnten Vorreiter sein und federführend für eine Neuausrichtung. Das DRK kann sich einsetzen, sich stark machen und für Gleichberechtigung eintreten!

Wir freuen uns auf Ihre Antworten,

In Liebe,

Phil Porter, Künstlerkollektiv „Alte Schule“

Nachweise:

1. http://www.weser-kurier.de/region/wuemme-zeitung_artikel,-Das-Blut-wird-knapp-_arid,1314264.html
2. http://www.handelsblatt.com/technik/das-technologie-update/healthcare/20-jahre-nach-hiv-skandal-hohe-wachsamkeit-bei-blutkonserven/8887582.html

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