Durch das Reisen reinigt man seine Seele, man entfremdet sich, löst die Lethargie des Alltags: Man wird wieder zum Fremden, zum Aussenseiter, Entdecker und Beobachter. Im Grunde markiert der Beginn einer Reise das vorläufige Ende der Vernunft, einen Rückzug in einem an und für sich verlassenen Zustand der Unbedarftheit. Aus der Sicht eines Kindes ist das Erwachsenwerden etwas spannendes, rückblickend geht diese Sichtweise verloren: Gelebtes Leben ist nie so herrlich sonderbar und erregend wie das Werdende.

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Las Vegas – Rauschender Wildbach des Lichts

Las Vegas hat ein beeindruckendes Temperament. Der Puls der Zeit ist hier der Puls eines jenen begeisterten Kindes, welches erstmalig und triumphal den Ritt auf einer Achterbahn zu meistern versucht: Am Anfang steht der Entdeckergeist, die Lust auf das Neue, die Gier nach Erfahrungen, nach Gefühlen, Berührungen und Überschreitungen bekannter Horizonte, nach Abenteuer. Eine Suche nach Geschichten, die man selbst beginnen, aber deren Ende man nicht selbst bestimmen kann. Es folgen Mut und der Pathos der Risikobereitschaft, die Spannung des Anstiegs in neue Spähren und die Ekstase des ersten Absturzes, hinein in das Gewitter aus Loopings, Kurven und Schrauben. Der rasche Aufstieg, dessen Macht einen in den Sitz zurücksinken lässt und der orgiastische Jubel beim zweiten großen Fall, die Bodenhaftung verlierend nach unten, oben, links, rechts, zur Seite und wieder zurück.

Der Taxifahrer hat diese Frequenz aufs Tiefste verinnerlicht und so beginnt mein erster Abend als eine Achterbahnfahrt durch ein Lichtermeer, vorbei an glitzernden Versprechungen, kunstvoll eingerahmt von Neonröhren in allen erdenklichen Farben blinkend, von rennenden Lauflichtern in pink und blau, flankiert von aufblitzenden Sternen, Herzen, Kronen, Karten, Ziffern – auch an LED-Reklamen, deren Silhouetten ich aus weiter Ferne noch für Hochhäuser hielt – von Portalen verschwenderischer Opulenz und Größe, bestückt mit prunkvollen Kronleuchtern, majestätischen Statuen und gigantischen Brunnenanlagen. Es ist ein Rausch, sich in den spiegelnden Fensterfronten schier in die Unendlichkeit ausbreitend von solcher Strahlkraft zeugend, dass selbst die Sterne dieser bestechend klaren Sommernacht vor Ehrfurcht verblassen.

Auf der einen Seite hebt ein beleuchteter Fesselballon ab, der Eiffelturm schwingt sich ebenso in dieselben Höhen auf wie die wohlgeformten Beine der koketten Tänzerinnen vor kolossaler Kulisse der bekanntesten Wahrzeichen aller großen Metropolen dieser Welt. Was im Alltag nur Mittel zum Zweck ist wird hier zur Lauf-Masche veredelt: Jeder Schritt dieser bezaubernd bis betörend dreinblickenden Wesen ist ein Schritt in die richtige Richtung und wer jemals wahrlich Erotik als solche begreifen möchte, erliegt hier ihrem wundersamen Charme binnen weniger Schritte. Damen gehüllt in Perlen, funkelnd glitzernd wie Diamanten wären – so scheint es – auch ohne die leichte Bekleidung weitaus wertvoller, als die Imitate der Edelsteine, die sie bedecken. Alles scheint, alles strahlt, alles blitzt und leuchtet, flackert, funkt entflammend meine Aufmerksamkeit fordernd um mich herum.

Die vier Flachbildschirme in meinen Taxi tragen diese vorbeirasenden Eindrücke durch die geschlossenen Fenster hindurch in das unterkühlte Innere des Autos hinein und während neben meinen Ohren eine blondierte hochtönende Fata-Morgana amerikanischer Konsumkultur ihr Bestes gibt, eine Revue in ihrer Ästhetik einer Parodie einer solchen nicht unähnlich als die „Heißeste Show in Las Vegas“ zu bewerben, schenken mir die Erinnerungen an die Beine der Showtänzerinnen zumindest innerlich etwas Wärme und Ruhe.

Menschengruppen fließen wie ein rauschender Wildbach durch die Straßen und schenken der Spieloase ihr kostbarstes Elixier: Leben. Sie ergießen sich in wellenartigen Schüben bis in die hintersten Ecken der Vergnügungsviertel, reißen Getränkebecher, Souvenirs und Fastfood mit sich bis sie in den Casinos und Bars auflaufend schlagartig unter der eigenen Körperhitze verdunsten. Ich steige aus und tauche ein.

Neben den Lichtern entdecke ich jetzt auch Brustnippel, die mal kokett, mal vorsichtig, mal provozierend aufblitzen. Eine gute Miene zum bösen Spiel verdreht der Herr vor mir zu einem lässigen Blick, der möglichst wenig zu verraten versucht. Die aufblitzenden Brustnippel hingegen gehören seiner Begleitung. Sie hat mutmaßlich eines der teuersten Kleider an, welche ich an diesem Abend ehrfürchtig bestaunen darf, doch trägt das Kleid mehr sie, als andersherum: Es ist bedeutend zu klein für den Auftritt, welcher von ihrer Kopfhaltung und ihrem Gang fast monarchisch überspitzt wird, aber die Blicke des Paares sagen: Es war teuer und ein Kunstwerk bleibt auch dann noch ein Kunstwerk, wenn es schief hängt.

Zwei Jungs stehen im Eingangsbereich hintereinander, der eine möchte seine beiden Hände in den Hosentaschen des Anderen wärmen. Nun aber wärmt er mit seinen Händen die Schenkel seiner Begleitung, die jetzt weich werden und wie Wachs zwischen seinen Fingern zergehen.

Ein Familienvater in Shorts lässt seine Kinder von den weissbehandschuhten Armen einer Mickey Mouse Interpretation umsorgen, welche mit übertriebenen Gestus zu verstehen gibt, dass es für sie einen besonders schönen und einzigartigen Moment darstellt, eine Herzensangelegenheit. Wirken die Bewegungen und der Habitus sonst einstudiert und kalkuliert, so schwingt dieses eine Mal mehr mit, sind die Bewegungen natürlich und weniger explizit: Sie sind väterlich.

Als das Foto vollbracht ist gibt der Mann keinen Dollar für die Dienste und so insistiert der einstige Zeichentrickstar mit offener Hand um die Gabe einer Mitgift. Nichtmal ein Kopfschütteln ringt die Maus dem Vater ab. Aus dem besonders positiven Moment für die Kinder wird ein trauriger und dramatischer für die Erwachsenen beiderseits. Mickey Mouse zieht mit gesenktem Kopf davon und dem Vater ist die Situation sichtbar unangenehm. Sein Blick verrät: Wenn ich könnte, ich würde. Doch der Blick ist aus Scham nach unten und dann in die Ferne gerichtet. Mickey Mouse bekommt davon nichts mehr mit. Der dünne Hals kann den schweren Kopf nicht länger ertragen. Sie wird ihn an diesem Abend auch dann nicht mehr heben, als eine andere Familie ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte. Mickey schleppt sich über den Boulevard als gebrochene Kreatur.

Ich stehe unterhalb einer Brücke und beobachte zwei junge Mädchen. Die eine sticht aus der Masse heraus, weil sie mit hochgeschobenen Rock Ihren pompösen Hintern präsentiert, die andere weil sie versucht, diesen zu bedecken. Es ist nicht die Spießigkeit, die sie dazu bringt, es ist die Freundschaft, die sie zur Umsorgenden werden lässt. Jetzt liegt ihre Freundin breitbeinig auf der Rolltreppe und klopft sich offensiv auf die Scham, frequentiert von den neidischen Blicken der Nüchternen und den respektzollenden der Männer, deren Augen sich am unverhofften Anblick weiden. Nun begreift auch die Freundin: es ist ein zelebrieren der Körperlichkeit, eine stolze Präsentation der eigenen Schönheit, eine Selbstverständlichkeit und doch und womöglich gerade deshalb für viele Anwesende ein Skandal: Etwas Ehrlichkeit in einer Stadt, in der sonst viel gelogen wird.

Die Brücke gibt den Bass vor, zu dem meine Füße wippen und mein Herz bebt. Ein Straßenmusiker zu meiner rechten fühlt sich inspiriert in den Rhythmus einzusteigen und beginnt zupfend aus dem Takt der schwappenden Besuchermassen heraus einen Blues zu entwickeln. Er wirkt abwesend, eingekehrt. Sein Kopf hängt weit nach unten, als möchte er durch den Betonboden hindurch in den Abgrund der Straßenschlucht schauen, wo das eigene Dasein im vorbeiziehenden Verkehr aus Schicksalen, Geschichten und Leben wieder an Tiefe gewinnt. Die Lichter der Autos sind die einzigen in Las Vegas, die vergänglich sind.

Seine Augenlider haben sich hinter der dunklen Sonnenbrille sanft zusammengelegt, als er das spielt, was er zuvor in seinem Wesen verinnerlicht hat. Dann überlässt er den Taktstock wieder dem Crescendo der Straße, verstummt, atmet ein, aus, nimmt auf, um unvermittelt wenig später abermals einzusteigen und eins zu werden mit der Stadt, die ihn nicht einsam werden lässt, weil sie ihn umschließt und berührt, ihn bemuttert und weil sie ihn berauscht und vervollständigt. Es ist ein Wechselspiel, ein geben und nehmen an audiovisuellen Berührungen, vorsichtig, liebevoll und mitfühlend. Man möchte fast meinen: Würde auch nur eine Person stehen bleiben, um seiner Künste Tribut zu zollen – es wäre, als klinge im austarierten Orchester ein Instrument verstimmt. Und so spielt er berauscht von den Dingen, die man nicht für Geld kaufen kann, in das hektische Treiben hinein. Erst als er fertig ist fällt mir auf, dass er gar keinen Hut vor sich aufgestellt hatte. Nicht die Leute sollten ihm was schenken – heute war es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Es sollte keine Münze klingen an diesem Abend. Sie wäre eh nur ein Husten aus den Reihen hinterster Claqueure gewesen.

Manchmal wirken die entgegenkommenden Flaneure wie überzeichnet: Akkurate Tollen konserviert in Pomade gesellen sich zu getürmten Föhnfrisuren und aufgeschäumten Topfhaarschnitten, welche mit Haarspray im goldenen Licht der untergehenden Abendsonne in Form gebracht werden. Pompös gelockte, brav gescheitelte, rebellierend zerzauste Haare schmücken die Häupter dieser vorbeiziehenden Eskorte der auf den Billboards auf Ewigkeit erstarrten und verblassten vorangegangenen Gewinner.

Alle schauen sich um aber niemand schaut sich an. Die Augen suchen forsch, möchten mithalten mit dem Glanz, den sie spiegeln müssen und doch ist es unmöglich: Kein Auge scheint hier heller und wacher zu sein als das gleißende Licht der Neon-Letter. Manch ein Augenpaar ist so ermattet, dass es selbst diesen Glanz nicht mehr zu spiegeln vermag: Es ist die Lethargie des Überflusses: Dort, wo man alles zu haben scheint, gibt es nichts mehr, was sich zu erreichen lohnt.

Sie laufen an mir vorbei und scheinen doch nicht voranzukommen. Sie suchen weiter nach einem immer neuen Kick des Glücks, nach Gewinnen, nach Sex, Drogen und Alkohol. Glück ist das nicht, vielmehr eine Vorbereitung auf das, was echtes Glück ist: Denn wer das Glück für sich gewinnen möchte, muss Arm in Arm mit dem Pech verlieren.

Aus der Ferne betrachtet ist Vegas eine mit spitzer Feder gezeichnete Karikatur: Die riesigen Reklametafeln glücklicher Gewinner sind inzwischen wichtigste Schattenspender für all diejenigen, die an sie geglaubt aber alles verloren haben. Doch sind gerade die Armen vor den Casinos die ehrliche, ruhige Seele dieser Stadt. Sie lösen die Illusion auf, konfrontieren den Besucher mit seinen Träumen, Wünschen, Ängsten und Süchten. Sie sind der einzige normale Spiegel im Kabinett der Eitelkeiten, wo sonst nur Zerrspiegel die Sinne täuschen.

Fastfood ist die größtmögliche Abstraktion der Lust auf Essen, hier braucht es keine sorgsam austarierten Kompositionen, keine feinen Pinselstriche. Großflächig muss es sein, glänzend und aromatisiert, in Form und Farbe akzentuiert und pornographisch: Burger, Pizza und Hot-Dogs sind provokant, sexy und lasziv. Sie sollen sich schon von weiten in den Mund legen, sollen die Zunge nervös zucken lassen und den Geist gefügig machen für das, was ebenso obszön wie auch maßlos in aller Öffentlichkeit lustvoll vereinnahmt wird: Pop-Art für den Gaumen.

Die Dame am Imbisstresen mir gegenüber heißt Marissa. Das Namensschild ist nur Dekoration – wie viele andere Kollegen ist auch sie im Grunde eine anonyme Künstlerin, deren Namen die meisten ihrer Bewunderer spätestens dann wieder vergessen haben, wenn sie ihr Rückgeld in den Händen halten. Frauen wie Marissa üben auf mich nicht nur eine große Anziehungskraft aus, weil sie mein Verlangen nach Fastfood zu stillen vermögen, vielmehr ist es die Art und Weise, wie sie und ihre Kollegen die Pancakes, Omelettes und Sandwiches zubereiten: Für die meisten und geschmacklich relevanten Zutaten gibt es eigene Tuben, Container und Dosen, alles ist in Beuteln verpackt und in Form und Farbe seines Ursprungs beraubt. Aus Essen wurde Material und aus der materiellen Anmutung der in Kunststoff getüteten Eier, Bohnen, Käse und Tomaten malen und erschaffen Marissa und ihre Kollegen etwas neues, einzigartiges und zutiefst verführerisches.

Das Tableau, welches am Ende unseres Geschäftes das Meinige sein wird, ist die Verneigung vor dem Konsum, eine Leinwand so hungrig darauf bespielt zu werden wie auch mein Gaumen umspielt werden möchte von Soßen, Dips und Toppings, die so farbenprächtig strahlen und schimmern wie die Neonschriften, welche ihre Vorzüglichkeiten unnachgiebig anpreisen. Die fertigen Speisen unterscheiden sich optisch kaum von den plastinierten Vorführobjekten in den grell erleuchteten Vitrinen und doch gleicht keine Kreation der vorangegangen, auch wenn die Aura der Künstlichkeit oft in ein ebensolches Aroma mündet.

Die Straße fächert ihre Flügel auf und zu meiner Seite beginnen die landschaftlichen Schwingen das Land emporzuheben. Was gestern noch majestätisch den Himmel krönte ist heute passee und das goldene Licht der Sonne konturiert die Felsformationen als wären sie Auslagen der Chocolaterie: Skulpturen in Zartbitter, Bruchstücke aus Nussnougat und Vollmilchschokolade, überzogen mit Streuseln und farbenprächtigem Puder, verfeinert mit Trüffel, Pistazien, mit Marzipan, gerösteten Mandeln, Walnüssen und in ihrer Exotik unübertroffen mit Zimt, Pfeffer, Salz. Die Masse ist geraspelt, geschmolzen, geschnitten und geformt, sie wurde gerissen, gedehnt und gespalten, mancherorts auch gestrichen, ausgenommen und wieder gefüllt.

Rote Staubpartikel hinter uns vollbringen das, was die Weite des Himmels zu keiner Stunde trübte: Wolken schimmernd in rot und orange lassen wir hinter unserem Jeep ebenso zurück wie die monumentalen Versuchungen der weiten Ferne, deren vorbeitanzender Rausch an Texturen und Farben wir nur durch immer höhere Geschwindigkeiten widerstehen können.

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