Tausend Meilen vom Ufer fort in den Weiten des Ozeans, wo der Mond noch keine Konturen hat und in der Tiefe des Wassers vergeht, begab sich einst der schneidige Jacobs Christian Anderson mit seiner weißen kleinen Galeone, der „Varend Koraal“, im Jahre 1856 auf den „Weg der weißen Wellen“, hin zu einem nie kartografierten Punkt, wo sich der Sage nach „die schönste Perle in flüssiges Perlmutt verwandelt“. Dieses flüssige Perlmutt ist so wertvoll und selten, dass es – obwohl es schon tausende Seelen in die Tiefen gezogen hat – noch immer der Traum eines jeden Seemannes ist, nur einen guten Tropfen davon aufzufangen. Man sagt dem flüssigen Perlmutt magische Kräfte nach, gilt es doch noch heute über alle Landesgrenzen hinweg als die „Träne der weißen Unschuld“ und damit als größte Reliquie der sieben Weltmeere. Wer sie erlangt, soll ewig frei von Zorn und Lastern sein – doch wer sie verliert, wird, so die Geschichte, in den rauschenden Fluten ihrer Einsamkeit ertrinken.

Doch vorerst galt es für Jacobs Christian Anderson, sie zu erreichen. Und weil die Geschichten rund um die Göttin der Meere und ihre Tränen nie bewiesen, aber auch nie wirklich widerlegt werden konnten, fuhr er allein auf rauer See und nahm allerhand Torturen auf sich, um mit dem Kompass seines Vaters, seiner Zuversicht und dem kleinen Buch, indem sein alter Herr einst diese Geschichten notierte, den Punkt zu erreichen, an dem er niemals mehr Zorn empfinden sollte.

Es vergingen Tage und Nächte. Das Gold der Sonne konkurrierte mit dem königsblauen Umhang ruhiger Nächte, deren sanfte Wellen ihn in den Schlaf schaukelten, um seine Gunst. Soweit entfernt von aller Zivilisation, frei aller Sorgen, Zwängen und Konventionen erlebte Jacobs Christian Anderson das erste Mal die Vorzüge absoluter Freiheit. Hier, mitten auf dem Meer, musste er sich keine Gedanken machen über Gold und Silber, über Handel und Aufgaben. Kein anderes Schiff traute sich soweit hinaus in die Weite, wo der Horizont plötzlich greifbar wird. Er stellte eine silberne Münze vor die Sonne auf die Reling und kniete sich nieder. Nun stand das Silberstück auf der Linie des Horizonts. Solange er nicht gegen ihn fahren würde, amüsierte er sich, stünde die Münze stabil wie festgeklebt auf dem Geländer. Er sollte sich bald wundern.

Das Geräusch brechenden Holzes war von aggressivem Aufruhr zersetzt. Zusammen mit der Münze schoss Jacobs Christian Anderson über die Reling einige Meter Tief auf das Unterdeck und verlor nicht nur sein Bewusstsein, sondern auch eben jene Münze, die nun über die zerberstenden Bohlen rollend mit Effet ins Wasser sprang, welches sich in immer größerer Gier durch das Schiff schlängelte.

Als er wieder zu sich kam, trieb er unweit von der noch schwimmenden Hälfte seiner kleinen Galeone auf einem Stück zusammengehaltener Holzbretter. Träumte er? Was mag er wohl gedacht haben, als er sah, dass Teile des Bugs seiner „Varend Koraal“ die Wolken durchschnitten und einen großen Riss im Himmelszelt hinterlassen haben? Tatsächlich ist es wahr: Jacobs Christian Anderson ist gegen den Horizont gefahren. Die Freiheit, die endlose Weite… Ein Märchen! Wenn die Geschichten aus dem Buch seines Vaters wirklich nur Seemannsgarn gewesen sein sollten – diese hier war in der Realität verankert. Sicherheitshalber kniff er sich in den Unterarm. Doch – Es ist es ist wahr. Er träumte nicht. Er saß zwischen Wellen und Wolken auf einem kleinen Plateau aus Holz und sah seinem Schiff dabei zu, wie es in einem zerrissenen Stück des Himmels seine Anker lichtete. Das Wasser plätscherte sanft gegen die Rundung des Horizonts, die Sonne ließ das Meer weiß werden.

Doch dann… War da nicht etwas? Es war kaum hörbar. Ein undeutlicher Klang, weit entfernt von messerscharfer Klarheit und eingepackt in Truhen und Laken, so gedämpft und unscheinbar trat er an die Oberfläche, als der Klang mit kleinen Perlen aus Sehnsucht und Leidenschaft das Wasser verließ, um sich durch die Luft in seine Ohren zu legen. Nervös schaute er sich um. Da war es wieder.

Der Gesang hob erst seinen Geist in die Höhe und dann seinen Körper, drückte beides jedoch schnell wieder mit Lust und Macht zur Verneigung auf den Boden. Die Noten waren von sanfter Schönheit, aber in der Kunst ihrer Verführung sowohl geübt als auch gefährlich. Er schloss die Augen, einerseits, weil der Genuss und die Gier so groß und intensiv waren, andererseits, weil es nicht seiner Gewohnheit entsprach, gegen die eigenen Gefühle derart ankämpfen zu müssen. Er sah nicht, dass sich aus weiter Ferne eine Welle auftat, groß und weit wie der Himmel selbst und so tosend und wild wie ein Orkan. Er sah nicht, dass sie eine Krone trug aus Gischt und Geifer und sich wie die weiße Dame auf dem Schachbrett in hoher Geschwindigkeit auf ihn zubewegte, um ihr Spiel für sich zu gewinnen. Sein Bedürfnis, in den Klängen zu versinken, wurde ein körperliches. Erregt war er von dem süßen Säuseln der See, Schweißperlen funkelten auf seiner Stirn, rannen hinunter in die Fluten und gaben dem Meer das zurück, was vorher von der Hitze seines Fiebers vernichtet worden ist. Sein Herz schlug im Takt der immer höher werdenden Wellen, sein Pulsschlag vereinte sich mit dem des Meeres, süchtig war er nun, trunken von der See, von Salz an seinen Lippen und Augen so funkelnd wie das Meer, von flüssigem Perlmutt und weißen Wegen, von donnernder Gischt und ihn auspeitschenden Wellen.

Der Gesang gewann an Wucht, wurde aufbrausender, kletterte jetzt die Tonleiter rauf und runter, raste furios auf den aufschlagenden Wellen und stürzte sich dann wieder in die tiefen des Meeres um neuerdings wieder aufzutauchen. Jacobs Christian Anderson riss sich das zerschlissene Hemd vom Leib und wollte sich der See voll und ganz ergeben. Mit geschlossenen Augen und offener Geste empfing er die auf ihn zurollende Wand weißen Wassers wie das Segel den Wind und als Jacobs Christian Anderson seinen Kopf in den Nacken legte, um den Kuss der See zu empfangen, zerriss die Welle innerhalb eines Augenschlags alles, was einst seine Gegenwart und nunmehr eine Vergangenheit war. Mit dem Aufprall war die „Varend Koraal“ nur noch eine Erinnerung, genauso wie der Riss am Ende des Horizonts – er war, wie Jacobs Christian Anderson auch, verschwunden.

Vereint mit seiner Galeone sank Jacobs Christian Anderson dem Ruf der See folgend gen Untergang, genoss den Tiefenrausch mit allen Sinnen, atmete das Wasser ein und ließ es über die Lungen hin bis in sein Herz eindringen. Jede Vene war durchströmt von Wellen aus Salzwasser, er streckte und wandte sich in den Fluten und nun fand auch eine kleine Freudenträne ihren Weg in das Meer und ging die Verbindung ein, die ewig bleibt.

Taucht man unter dem Horizont hindurch, viele Meilen tief, dorthin wo sich Wolken und Wellen vereinen, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen Himmel und Erde, dort weint die Göttin der Meere in tiefer Trauer ihrer Sehnsucht und schreit die Namen ihrer verlorenen Seelen. Jede salzige Träne fließt zurück in das Meer, verleiht ihm neue Kraft und Größe. Jede ist das Leben, doch entsteht sie aufgrund der traurigen Gewissheit, dass jeder stirbt, der sie liebt. Nie wird sie einem ihrer Verehrer begegnen können, denn was ihre Luft zum Leben ist, ist für andere das sichere Ertrinken. Und so bleibt sie stets allein zurück mit der Freiheit, die das Meer verspricht. Doch dieses Versprechen macht einsam.

Fotograf / Text: Phil Porter
Model: Nicoletta
Maske: Ilenia Mars
Assistenz: Linus Klose, Ben Drücker, Max Hartmann
Kleid: Oldenburgisches Staatstheater
Mit besonderen Dank an Sabrina Tippmann

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