Wie wir uns definieren lassen

Wenn ich gefragt werde, wer ich bin, antworte ich mit meinem Namen, meinem Alter, meiner Arbeit. Da sind sie also, die Dinge welche mich ausmachen sollen. Doch sind es nur vorgeschobene Spiegel, geöffnete Schubladen für den Plunder, den wir als Weisheit oder Erfahrung ikonisieren, statt ihn als Klischee zu enttarnen.

Diese Angaben erzählen nichts über meine Person. Sie sind nicht wichtig, besitzen keinerlei Relevanz für jemanden, der nach dem Menschen sucht statt nach einer Funktion in einem System. Wir teilen ein bevor wir austeilen und wir sähen aus bevor wir ernten.

Der Mensch liebt das Klischee, er liebt die Einfalt, das vordefinierte Dogma. Normen helfen uns bei der Orientierung, abnormales empfinden wir gar als Bedrohung. Jemand, der sich also nonkonform gegenüber gelehrter Methoden verhält oder sich nicht dem Konsens einer breiten Masse unterwirft, wird schnell als Spion der Vielfalt enttarnt, als Gefahr – und das, obwohl er angeblich recht einsam und abseits steht. Der Mensch liebt nämlich nicht nur das Klischee an sich… Besser ist es, wenn sich Prophezeiungen erfüllen!

In einer solchen kann er aufgehen, sich selbst der Wahrhaftigkeit seiner Ansichten vergewissern. Es gibt nichts zu entdecken, es ist so, wie es sein muss: Der schnöselige Banker, das blonde Dummchen, der obszöne Bauarbeiter, die einsame Oma, der intellektuelle Brillenträger.

Dabei sollte unser Geist nicht wattiert werden, sollte nicht wolkig-wabernd schweben, er sollte mit messerscharfen Verstand und spitzer Klinge gegen Vorurteile kämpfen, sollte wie eine funkelnde Machete einen Weg durch das Dickicht erschließen, soll tranchieren, entdecken und triumphieren.

Doch ständig geht er in den Fluten hinfort strömenden Lebens unter, ertrinkt beinahe, kann dann doch den Zweig der Souveränität greifen, wird dann wieder mitgerissen von politischen Wendungen, von Gewalt, Stress, von Schönheit, von Sex, ja, vom Leben selbst ist er geplagt, ist überfordert und ohnmächtig, kämpft stark und stur… Doch chancenlos muss auch er sich irgendwann dem Konsens geschlagen geben.

Da liegt er nun, der Geist, der um jeden Verstand gebracht, einsam und allein, müde und abgekämpft inmitten unendlicher Horizonte nicht mehr unterscheiden will. Er sehnt sich nach Ruhe, nach Ende, nach sein und nicht mehr nach werden, nach Gemeinsamkeiten und nicht mehr nach Unterscheidung.

Und dieser flache Geist nun sammelt in der Oase der Klischees im Schattendasein der Palmen nach neuer Kraft und Stärke, um stürmisch und leidenschaftlich auf’s Neue zu differenzieren und sich der Verallgemeinerung zu verbieten.

Wenn ich also gefragt werden würde, wer ich bin, sollte ich wahrheitsgemäß antworten: „Einer, der sein wird wie Du mal warst, bist oder werden wirst.“ Und man sollte meinen, damit weiß dieser Mensch mehr über mich, als ich ihm mit Name, Alter und Beruf hätte verraten können.

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