10 Jahre Phil Porter
Kein Grund, zu feiern.

Der 10. März 2010 war für mich die damals noch unbekannte Schönheit im verdichteten Boden meines Weges. Vor zehn Jahren habe ich meinen Entschluss, mich kreativ zu verwirklichen, einer keimenden Hoffnung nach inneren und äußeren Frieden folgend, vom Staat besiegeln lassen und meine Selbstständigkeit angemeldet.

Vorangegangen war eine Kindheit in Szenenbildern. Da gab es Sonnenstunden mit einer, über lange Zeit nicht mehr gewaschenen, die Temperatur des Sommers atmenden, orangenen Wolldecke auf dem satten Grün eines betörenden Garten Eden meiner Oma, welcher auf der Landkarte Bremens ausgerechnet in „Blumenthal“ verortet wurde.

Dort, wo die Hängematte zwischen Apfelbäumen sich wie ein Kokon um meinen schutzsuchenden Körper legte, es auch dann noch tat, als schon längst Winter war und ich – dick eingepackt – in den Himmel starrte, in der Hoffnung, meine Traurigkeit würde so schnell vorüberziehen, wie die Wolken, welche zwischen dem kahlen, nassen, Scherenschnitt-gearteten Geäst kein wirklicher Lichtblick, aber wohl Hoffnung gewesen sein müssen.

Dieser Traurigkeit vorausgegangen war ein Selbstmordversuch in der zweiten Klasse, der sich vor allen Dingen durch eine Sache in meinem Geist verfestigen sollte: Mit dem deutlichen Willen nämlich, zu leben.

Da war eine Kindheit, wie sie sinnlicher nicht sein konnte: Spaziergänge mit meiner Familie durch Wind und Wetter bei Watt und Wellen in Sahlenburg, wo die Straßennamen nicht „Alter Postweg“ oder „Dorfweg“ oder „Riesstraße“ waren, sondern „Muschelgrund“ – und auch so rochen: Nach Salz und See, nach Ferne und Freiheit… Ja, alles, was auf mich bis heute erregend wirkt – man stelle sich die Meerjungfrauen vor, die dieses Parfum lieben.

Hat man die menschliche Nähe überwunden, erschloss sich die freiheitliche Ferne, wo sich die Perspektive und der Blick auf den Horizont festsetzen sollten ebenso, wie die inspirierende Kraft einer Leere, die vom kindlichen Geist gefüllt werden möchte. Hier entstanden später meine ersten Fotoserien: Schlüssellöcher, übergroße Fantasiewesen, beobachtende Augen und schwarze kreisrunde Ballons waren die Szenenbilder meines eigenen Kopftheaters.

In das Watt kehrte ich später aus Verzweiflung zurück, stark betrunken, wankend durch den Schlick, in winterlicher Kälte, als das Gefühl, nicht geliebt zu werden, wieder übernahm.

Da war eine Kindheit, in der ich bei meinen Eltern im Sommergarten Bilder auf die Rückseite anderer Bilder malte, welche ich zuvor im Sperrmüll fand: Labyrinthe noch und nöcher, Papier um Papier, Fragezeichenboxen und Kräne, abstrahierte Kräne, Förderbänder, Pakete und Schläuche, aus denen Seifenblasen in den Himmel stiegen: Ich produzierte meine Gefühle und öffnete die Tore der eigenen Denkfabrik.

Es gab ständig neue Witze zum Mittag und Zaubertricks zum Abendessen und, weil das öffentlich-rechtliche Programm damals keine ehrliche Faszination in mir auslösen konnte: Eigene Silvester-Galas mit anschließendem Feuerwerk. Es gab mehr als einen Domino-Day im Wohnzimmer meiner Eltern, es gab Themenabende, Hindernisparcoure auf der Treppe und Tina-Turner-Parodien.

Und dann: Dieser egoistische Kerl, der sich plötzlich ermächtigen lernt, diese Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung, dieser sture Junge, der beweisen will, dass er für Glück verantwortlich sein möchte und kann. Der junge Mann, der auf Bühnen auftritt und sich Gehör verschafft, der Leuten ins Wort fällt, der Kämpfe kämpft und immerzu verliert, der niedergeschlagen wird und weiter schlägt, auch, wenn der Gegner ihn schon längst wieder in der Luft hält und die anderen lachen.

Dieses „sich-selbst-bewusst-werden“, das Selbstbewusst-sein… Es manifestierte sich schließlich in einem Schein-Erwachsensein und eben: Jener Selbstständigkeit, die ich heute jubilieren soll.

Was ich damals schon suchte, habe ich heute nicht gefunden. Das kindliche Paradies, indem Menschen friedlich und in Akzeptanz und Fürsorge zusammenleben, scheint heute ferner als damals. Ich wurde die ersten 20 Jahre meines Lebens für meine Kreativität und Leidenschaften mehrheitlich beschämt bis verstohlen angesehen, meine Homosexualität, meine Identität stets ins Lächerliche gezogen, meine Ideen und Fantasien entwertet und meine Stimme unterdrückt.

In der Selbstständigkeit kann ich mich entfalten: ich habe mich dem allgemeinen Konsens entzogen und kann meine Ideen umsetzen, wie ich es für richtig halte. Das ist jeden Tag aufs Neue ein wunderbares und zutiefst bewegendes Ereignis. In den Fotoshootings tauche ich wieder und wieder bis zum Muschelgrund, mit meinen Shows wie „La Rebelión“ und „What the hell?!“ gibt es in Bremen einen Schutzraum, indem sich Menschen entfalten können, die eigene Identität zelebrieren dürfen und mit dem „Salon Obscura“ habe ich einen Ort gefunden, der wie ein Traum funktioniert.

Doch um mich herum wird es dunkel und kalt. Kommunikation wird verkürzt und entmenschlicht, Schlagzeilen brauchen kaum mehr eine redaktionelle Aufbereitung, es genügt das große Wort und das drastische Tremolo aus Angst, Eifersucht und Bequemlichkeit.

Ich könnte kaum aufzählen, wer in dieser Welt alles ungerecht behandelt wird, wie viele Menschen von anderen Menschen beleidigt, unterdrückt, ausgebeutet, gequält und/oder bevormundet werden, wie viel Hass gelebt wird, statt im Leben zu lieben, wie viel diskutiert wird, und wie wenig unternommen.

Heute vor 10 Jahren habe ich den naheliegenden Entschluss gefasst, Kunst zu machen, um etwas zu verändern: Unsere Welt, meine Welt. Die Fantasie ist seit meiner Kindheit der Schlüssel zum Leben.

Hört auf Eure Kinder und schließt die Schlösser auf: Zu neuen Landschaften, neuen Panoramen, neuen Möglichkeiten und Eurem eigenen inneren Kind.

Happy Birthday,
Euer Phil Porter