Blick vom Balkon

Ich stehe gerade auf dem Balkon und schaue auf die Wallanlagen. Der Nachthimmel ist heute auch ohne Sterne schön und aufreizend parfümiert.

In der Gaybar gegenüber feiern sie zur Musik einer angestaubten Discokugel mit gelben Nikotinfilm. Das Lachen über die eigenen Schamlosigkeiten kommt affektiert und hässlich, ist gekonnt und bekannt und bitter. Gelächter räuspern sich durch Zigaretten, dann tut jemand überrascht und die Vokale bleiben im geschürzten Mund kleben: »Ohhh. Nä! Ja! Nä!« kläffen die Worthülsen und es scheppert die Unterhaltung, die Aufmerksamkeit haben will, wie ein kleines Kind das Sagen.

Dionne Warwick singt aus der offenen Kneipentür »Make believe – That you don’t see the tears« und »Walk on by«

Wenige Meter weiter zeichnet das rote und blaue Licht des Rettungsdienstes, welches wie Nebel in den angrenzenden Park wabert, die Silhouette eines am Boden liegenden Mannes, als die Straße auf der Anhöhe davor von Polizisten für den Verkehr gesperrt wird. Menschen rennen, ein weiteres Polizeiauto rast jetzt durch die Nacht in den Park hinein und wirkt dabei wie ein verletztes Tier, das sich wehrt.

Im Gemenge wird es unübersichtlich, handgreiflich wird es, ein Sanitäter hält seine Hand zwischen die Gesten der anderen, Stimmen flirren, lebensrettende Geräte tun es ihnen nach, die Situation ist ernst, wo sich drei Notärzte um einen Mann kümmern, der am Boden liegt und für den hier jeder spricht – nur nicht mehr er selbst.

Eine Klimaanlage surrt. Der Himmel zeigt seine Sterne. Die Nacht ist nun eine andere geworden.

Zwei Frauen in leichten, pastellfarbenen Sommerkleidern flanieren vorbei, schauen, sehen, bleiben kurz still nebeneinander stehen, fühlen sich ertappt und gehen weiter.

»Make believe – That you don’t see the tears« und »And walk on by«