Haus der Schönheit

Auch im Schönen wohnt die Hässlichkeit im Keller.

Hass im Netz

Die Frage der heutigen Zeit ist nicht, ob man seine Meinung sagen darf. Das stand nie zur Debatte!

Es geht um widerliche Hetze. Es geht um die Frage, ob es uns genehm ist, ohne Verantwortung und ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen – zu deren Wohl wir uns verpflichtet fühlen sollten – Halbwissen und Hass auf den digitalen Asphalt rotzen zu dürfen.

Die Frage der heutigen Zeit ist: Darf ich mich der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung entziehen? Und die Antwort, welche unter jedem Kommentar zu stehen hat, muss lauten: Nein! Nein! Und nochmals: Nein!

Dresden

Man muss wohl zu der Erkenntnis kommen, dass Dresden bei Regen schöner ist, als Rom bei Sonnenschein.

Das Alter

Das Alter ist Geborgenheit in der Gewissheit, zu leben. Das unschuldige Lachen eines Kindes arretiert sich im Verlust des Staunens zu einer Falte, welche die Erinnerung und jede Hoffnung in sich trägt.

Augen im Alter

Die Augen, die in ihrem Stuck schillern, ruhen in der Schönheit vergangener Tage und was man früher einst entdecken wollte, endet mit dem Schnappschuss einer Fassade.

Der Akkordeonist 

Zum treibenden Fingerspiel des Akkordeonisten tanzen die Touristen als Figuren auf dem Tableau des Bremer Marktplatzes: Dort stehen sie nun – vereinzelt und für sich im Winkel justiert und drehen die Körper mechanisch im Halbrund zum Zweivierteltakt. Bedeckt von Displays lassen sich die konzentrierten Gesichter großer Meister nur erahnen, die erhaben ihre digitalen Panoramen betrachten wie holzgeschnitzte Heiligenfiguren die Kathedralen: »Dies ist mein Werk. Hier war ich ein Teil davon.«, wird in den Chroniken von Facebook stehen und Leute werden kommentieren: »Schön.«

Doch das Weitergehende bleibt verborgen, der eigentliche Sinneseindruck unsichtbar – denn ist es nicht die Architektur allein, welche die »gute Stube« der Hansestadt so wertvoll macht:

Der Akkordeonspieler lässt keinen Applaus zu, gibt dem Spiel die Anmutung der Ewigkeit und verklärt den Moment als einen guten, kräftigen Ton. Und dann noch einen. 

Die eine Hand ist die routinierte, die andere Hand die gierige und manchmal wechseln sie einander ab: Dann greift die gierige in die Knöpfe und die andere ins Geld um neuen Platz für Honorierung zu schaffen.

Seine Musik ist die Intensivierung dessen, was wir sehen: Das Licht, die Stimmen, die Formen, ja, selbst der Färbung des Mauerwerks gibt er einen Klang. 

Links pfeift der Könner, rechts tanzt der Kenner und in der Mitte wird ein Obdachloser zum Dirigenten der gesamten Szenerie, wo seine Hände im Takt des Tangos reißaus nehmen, um am nächsten Tisch des Straßencafés in Bittstellung zu gehen. 

Die Stimme

Ein Mann, der sonst mit Kinderpuppen und Klampfe am Straßenrand sitzt, trägt in der Hand nur noch eine Zigarette. Das Licht entsättigt sich mit kühler Brise und führt den blauen Rauch in die beginnende Sommernacht über.

Wenn er die Lieder der Freiheit mit säbelnder Stimme besingt, um im nächsten Moment mit Handpuppen zu spielen, wirkt er fremd in einer Straße, in der jeder etwas ganz bestimmtes sein will.

Vor einigen Tagen saßen seine Handpuppen wie zum Familienfoto feierlich aufgereiht neben ihm auf der Parkbank, gestern dann hingen sie hilflos mit weit aufgerissenen Mündern aus einer ergrauten Sporttasche heraus und suchten nach der Stimme, die für sie ein Wort ergreift und schreit.

Sein Platz heute ist der überdachte vor dem Laden. Dort sitzt er nun – statt ihm spielt jetzt das Radio. Feierabend. Die Handpuppen liegen liebevoll zugedeckt auf seiner Matte im Hauseingang. Wir schauen uns kurz in die Augen. Sein Blick ist grau geworden. Dann sagt er mir mit einem, mich beiseite nehmenden und fixierenden Ton: „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern.“ Er sagt es nachdrücklich. „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern. Hörst du mich?“. Es kommt ermächtigend. Hämisch. Er sagt es auch noch, als ich längst am Horizont verschwunden bin.

Auf dem Marktplatz

Sein Mantel ist schwarz und schwer und hängt. Er schwitzt. Er muss es tun: Das linke Bein ist verkürzt und das rechte eine Belastung.

Die Menschen um ihn herum tragen außer bunter Bekleidung nichtmal mehr ein Gesicht, das sie belasten könnte. Was dort auf ihn schaut ist der Schnappschuss zwischen leeren Seiten: Dort ein Turm, hier drüben eine Statue und das da, da vorn, das ist das Rathaus. Leblose Augen schauen auf mattierte Displays wie in einen sterilen Raum, wischen den Fettfilm mit dem Handrücken von der einen Seite zur anderen, drehen die Kamera, justieren ein Lächeln und dann die Notiz: Hier waren wir. Dort stand ich davor.

Wo die Luft ihre letzten Atemzüge nimmt, bevor sie in der dämmernden Hitze dieser Nacht verdampft und noch ehe sie die Lungen der nach ihr Hungrigen erreichen kann, dort steht er nun, nach Stunden noch des unermüdlichen Redens, im goldenen letzten Licht auf den Treppen des Doms, auf diesen ausgelaufenen Stufen, diesem steinernen Schmelz und atmet schwer unter der Last der Leere, die ihn umgibt.

Der gemeinsame Weg wird hier geschieden werden. Eine Kamera klickt und macht noch ein Bild von einem Kirchenturm. »Werden Sie niemals Stadtführer!«, sagt er dann. Er wiederholt den Satz in den kommenden Minuten noch einige Male, betont ihn keck und meint ihn wissend.

Ein Kollege beobachtet und räuspert sich. Er ist ebenfalls in antiquierter schwarzer Gewandung unterwegs, doch findet er seine bunte Gruppe nicht. Eine am Rathaus sitzende Debile ruft: »Du bist wohl der Sensemann, wa?« und lacht dem Tod spöttisch ins Gesicht. »Mich kriegste‘ nich!«

Da war die Leere plötzlich mit Bedeutung gefüllt.

Blick vom Balkon

Ich stehe gerade auf dem Balkon und schaue auf die Wallanlagen. Der Nachthimmel ist heute auch ohne Sterne schön und aufreizend parfümiert.

In der Gaybar gegenüber feiern sie zur Musik einer angestaubten Discokugel mit gelben Nikotinfilm. Das Lachen über die eigenen Schamlosigkeiten kommt affektiert und hässlich, ist gekonnt und bekannt und bitter. Gelächter räuspern sich durch Zigaretten, dann tut jemand überrascht und die Vokale bleiben im geschürzten Mund kleben: »Ohhh. Nä! Ja! Nä!« kläffen die Worthülsen und es scheppert die Unterhaltung, die Aufmerksamkeit haben will, wie ein kleines Kind das Sagen.

Dionne Warwick singt aus der offenen Kneipentür »Make believe – That you don’t see the tears« und »Walk on by«

Wenige Meter weiter zeichnet das rote und blaue Licht des Rettungsdienstes, welches wie Nebel in den angrenzenden Park wabert, die Silhouette eines am Boden liegenden Mannes, als die Straße auf der Anhöhe davor von Polizisten für den Verkehr gesperrt wird. Menschen rennen, ein weiteres Polizeiauto rast jetzt durch die Nacht in den Park hinein und wirkt dabei wie ein verletztes Tier, das sich wehrt.

Im Gemenge wird es unübersichtlich, handgreiflich wird es, ein Sanitäter hält seine Hand zwischen die Gesten der anderen, Stimmen flirren, lebensrettende Geräte tun es ihnen nach, die Situation ist ernst, wo sich drei Notärzte um einen Mann kümmern, der am Boden liegt und für den hier jeder spricht – nur nicht mehr er selbst.

Eine Klimaanlage surrt. Der Himmel zeigt seine Sterne. Die Nacht ist nun eine andere geworden.

Zwei Frauen in leichten, pastellfarbenen Sommerkleidern flanieren vorbei, schauen, sehen, bleiben kurz still nebeneinander stehen, fühlen sich ertappt und gehen weiter.

»Make believe – That you don’t see the tears« und »And walk on by«

Blick aus dem Auto

Der Motor verweigert dem Benzin die Luft. Eine Karosserie nähert sich mit hungrigem Knurren und schiebt sich drohend als Schatten durch die Schneise aus Licht, während vor dem Steintor die Sonne untergeht. Wenn Automobile Charakter zeigen, verortet man sie im Nirgendwo zwischen »Schaut mich an« und: »Ihr habt nicht das Recht, mich anzuschauen.«

Blenden und geblendet werden. Der Blick der Menschen im Inneren ist synthetisiert, ist nicht mehr der erste oder der neue, der unverstellte Blick. Er ist die Prothese für das, was einst Beachtung war, wo sich Sehnsucht ängstlich versteckt, etwas, das Liebe ohne Gegenwert fühlen wollte und nun mit unbeweglicher Herrschaftlichkeit den Verlust eben dieser Kindheit korrigiert.

Wie wird dieser Blick altern?

Welche Landschaften werden diesen Blick formen, der die Beachtung sucht und Verachtung vorgibt? Wie wird das, was sich hinter poliertem Chrom luftdicht der Welt verschließt, reifen? Was ist man ohne Kratzer, Rost und Reifenpanne? Was wird übrig bleiben vom maschinellen Habitus, wenn erst der Lack zerkratzt, die Zündkerzen erloschen sind?

Die Gesichter zwischen den Scheiben sitzen feinjustiert, verschraubt und verschalt auf freigelegten Hälsen. Ein Blick auf Distanz zum Nächsten, Sonderausstattung zwischen Tür und Schaltknüppel.

Surrend fließt der Verkehr vorbei, betont langsam gehen sie in ihm unter.