Die Stimme

Ein Mann, der sonst mit Kinderpuppen und Klampfe am Straßenrand sitzt, trägt in der Hand nur noch eine Zigarette. Das Licht entsättigt sich mit kühler Brise und führt den blauen Rauch in die beginnende Sommernacht über.

Wenn er die Lieder der Freiheit mit säbelnder Stimme besingt, um im nächsten Moment mit Handpuppen zu spielen, wirkt er fremd in einer Straße, in der jeder etwas ganz bestimmtes sein will.

Vor einigen Tagen saßen seine Handpuppen wie zum Familienfoto feierlich aufgereiht neben ihm auf der Parkbank, gestern dann hingen sie hilflos mit weit aufgerissenen Mündern aus einer ergrauten Sporttasche heraus und suchten nach der Stimme, die für sie ein Wort ergreift und schreit.

Sein Platz heute ist der überdachte vor dem Laden. Dort sitzt er nun – statt ihm spielt jetzt das Radio. Feierabend. Die Handpuppen liegen liebevoll zugedeckt auf seiner Matte im Hauseingang. Wir schauen uns kurz in die Augen. Sein Blick ist grau geworden. Dann sagt er mir mit einem, mich beiseite nehmenden und fixierenden Ton: „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern.“ Er sagt es nachdrücklich. „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern. Hörst du mich?“. Es kommt ermächtigend. Hämisch. Er sagt es auch noch, als ich längst am Horizont verschwunden bin.

Auf dem Marktplatz

Sein Mantel ist schwarz und schwer und hängt. Er schwitzt. Er muss es tun: Das linke Bein ist verkürzt und das rechte eine Belastung.

Die Menschen um ihn herum tragen außer bunter Bekleidung nichtmal mehr ein Gesicht, das sie belasten könnte. Was dort auf ihn schaut ist der Schnappschuss zwischen leeren Seiten: Dort ein Turm, hier drüben eine Statue und das da, da vorn, das ist das Rathaus. Leblose Augen schauen auf mattierte Displays wie in einen sterilen Raum, wischen den Fettfilm mit dem Handrücken von der einen Seite zur anderen, drehen die Kamera, justieren ein Lächeln und dann die Notiz: Hier waren wir. Dort stand ich davor.

Wo die Luft ihre letzten Atemzüge nimmt, bevor sie in der dämmernden Hitze dieser Nacht verdampft und noch ehe sie die Lungen der nach ihr Hungrigen erreichen kann, dort steht er nun, nach Stunden noch des unermüdlichen Redens, im goldenen letzten Licht auf den Treppen des Doms, auf diesen ausgelaufenen Stufen, diesem steinernen Schmelz und atmet schwer unter der Last der Leere, die ihn umgibt.

Der gemeinsame Weg wird hier geschieden werden. Eine Kamera klickt und macht noch ein Bild von einem Kirchenturm. »Werden Sie niemals Stadtführer!«, sagt er dann. Er wiederholt den Satz in den kommenden Minuten noch einige Male, betont ihn keck und meint ihn wissend.

Ein Kollege beobachtet und räuspert sich. Er ist ebenfalls in antiquierter schwarzer Gewandung unterwegs, doch findet er seine bunte Gruppe nicht. Eine am Rathaus sitzende Debile ruft: »Du bist wohl der Sensemann, wa?« und lacht dem Tod spöttisch ins Gesicht. »Mich kriegste‘ nich!«

Da war die Leere plötzlich mit Bedeutung gefüllt.

Blick vom Balkon

Ich stehe gerade auf dem Balkon und schaue auf die Wallanlagen. Der Nachthimmel ist heute auch ohne Sterne schön und aufreizend parfümiert.

In der Gaybar gegenüber feiern sie zur Musik einer angestaubten Discokugel mit gelben Nikotinfilm. Das Lachen über die eigenen Schamlosigkeiten kommt affektiert und hässlich, ist gekonnt und bekannt und bitter. Gelächter räuspern sich durch Zigaretten, dann tut jemand überrascht und die Vokale bleiben im geschürzten Mund kleben: »Ohhh. Nä! Ja! Nä!« kläffen die Worthülsen und es scheppert die Unterhaltung, die Aufmerksamkeit haben will, wie ein kleines Kind das Sagen.

Dionne Warwick singt aus der offenen Kneipentür »Make believe – That you don’t see the tears« und »Walk on by«

Wenige Meter weiter zeichnet das rote und blaue Licht des Rettungsdienstes, welches wie Nebel in den angrenzenden Park wabert, die Silhouette eines am Boden liegenden Mannes, als die Straße auf der Anhöhe davor von Polizisten für den Verkehr gesperrt wird. Menschen rennen, ein weiteres Polizeiauto rast jetzt durch die Nacht in den Park hinein und wirkt dabei wie ein verletztes Tier, das sich wehrt.

Im Gemenge wird es unübersichtlich, handgreiflich wird es, ein Sanitäter hält seine Hand zwischen die Gesten der anderen, Stimmen flirren, lebensrettende Geräte tun es ihnen nach, die Situation ist ernst, wo sich drei Notärzte um einen Mann kümmern, der am Boden liegt und für den hier jeder spricht – nur nicht mehr er selbst.

Eine Klimaanlage surrt. Der Himmel zeigt seine Sterne. Die Nacht ist nun eine andere geworden.

Zwei Frauen in leichten, pastellfarbenen Sommerkleidern flanieren vorbei, schauen, sehen, bleiben kurz still nebeneinander stehen, fühlen sich ertappt und gehen weiter.

»Make believe – That you don’t see the tears« und »And walk on by«

Blick aus dem Auto

Der Motor verweigert dem Benzin die Luft. Eine Karosserie nähert sich mit hungrigem Knurren und schiebt sich drohend als Schatten durch die Schneise aus Licht, während vor dem Steintor die Sonne untergeht. Wenn Automobile Charakter zeigen, verortet man sie im Nirgendwo zwischen »Schaut mich an« und: »Ihr habt nicht das Recht, mich anzuschauen.«

Blenden und geblendet werden. Der Blick der Menschen im Inneren ist synthetisiert, ist nicht mehr der erste oder der neue, der unverstellte Blick. Er ist die Prothese für das, was einst Beachtung war, wo sich Sehnsucht ängstlich versteckt, etwas, das Liebe ohne Gegenwert fühlen wollte und nun mit unbeweglicher Herrschaftlichkeit den Verlust eben dieser Kindheit korrigiert.

Wie wird dieser Blick altern?

Welche Landschaften werden diesen Blick formen, der die Beachtung sucht und Verachtung vorgibt? Wie wird das, was sich hinter poliertem Chrom luftdicht der Welt verschließt, reifen? Was ist man ohne Kratzer, Rost und Reifenpanne? Was wird übrig bleiben vom maschinellen Habitus, wenn erst der Lack zerkratzt, die Zündkerzen erloschen sind?

Die Gesichter zwischen den Scheiben sitzen feinjustiert, verschraubt und verschalt auf freigelegten Hälsen. Ein Blick auf Distanz zum Nächsten, Sonderausstattung zwischen Tür und Schaltknüppel.

Surrend fließt der Verkehr vorbei, betont langsam gehen sie in ihm unter.

Der eingeübte Blick

Kultivierte Blicke sind mir zu beliebig. Der eingeübte Blick verneint den Ein- und Ausblick, die Wahrheit will er nicht fokussieren, er bleibt sich in jeder Regung untreu und ist der inneren wie auch äußeren Welt nicht mehr, als ein belebtes Stück Plastik hinter Glas.

Im Tunnel

Er kräht. Es ist das Herz, welches seine Stimme mit dunklem Rost belegt und blutrot gefärbt haben muss. Die Ballustrade seiner Rede ist brüchig, die tiefen Töne staubig und trocken, das Timbre ausgehöhlt und dem Zusammenbruch nahe.

Verloren muss das Gesicht sein, dass ich nicht sehen kann, verwahrlost die eigenen Versprechungen und Hoffnungen, die nie schwerer wiegen sollten, als in diesem Moment.

Ein Schrei ohne Körper, ein Schmerz ohne Widerstand.

Die Tränen rollen durch sein Libretto, welches die Worte ersticken lässt und sich nicht mehr in Definitionen verfangen möchte, sondern die großen Fragen verhandeln will: Keiner außer mir.

In diesen Furor, dessen treibende Kraft das eigene Bedauern ist, plätschern die Tränen wie der Regen, vor dem er in diesem Tunnel Zuflucht finden wollte. Doch bleibt das Grollen und die Kälte ganz bei ihm, als würde er die Wolken an der Leine halten wie einen Regenschirm, der regnet.

Der Tunnel bietet ihm einen Gesprächspartner ohne Widerworte: Sein Echo wirkt wie ein Verstärker der Gefühle und hört ihm zu, pflichtet ihm bei und wiederholt mantraartig jeden Ausdruck, der nun sphärisch durch das Dunkel geistert. Dann wird es still. Eine Flasche fällt zu Boden, eine neue wird geöffnet. Dann stoßen sie einander an. Es ertrinken die Worte, die keine sind. Das Gespräch, welches keines war, rauscht wie eine Welle durch die Unterführung. Neben seinem Echo schläft er ein. Dort, wo ein Lichtschein schon die ersten Tropfen trocknet, verebbt die letzte Botschaft.

Was bleibt, ist ein stummer Mann unter seinem dunklen Schatten.

Der Geiger

Man hört zwischen alten Giebeln mehr, als man sieht. In diesem Gedanken tönt eine Geige leise aus der Ferne. Die Saiten wirken wie vom Wind umspielt, etwas zaghaft kommen die Noten zu Gehör, vielleicht sogar schüchtern, suchend nach dem Klang, der den Gedanken hörbar machen soll und finden ihn in einem ersten ernsten, einem zweiten, traurigen und dann einem dritten, einem vermittelnden Ton.

Der Mann, der so spielt, steht neben dem Roland auf dem Bremer Rathausplatz, innerhalb der Szenerie, die er selbst mit seinem Bogen malt – doch außerhalb seiner selbst. Seine feinen Gesichtszüge, die sich immer nur am Wolkenbild orientieren, bleiben so nachdenklich, wie sein Spiel. Der gewickelte, vielfach geschnürte und mit einer Schleppe geschnittene schwarze Mantel gibt ihm die Taillie und die Ruhe einer Sanduhr und der Schweif, mit dem dieser Mantel vom Wind über den Asphalt gehoben wird, gleicht dem eines stolzes Rosses bei einem wilden Ritt durch ein Land, das niemanden gehört.

Seine schulterlangen Haare sind schwarz wie Graphit und kontrastieren das blasse, fein gepuderte Gesicht mit einem wehenden Schatten.

Etwas fehlt. Erst jetzt bemerke ich, dass es nicht die Geige ist, die hier klagend weint. Seine Trauer könnte ein ganzes Orchester tragen, doch braucht sie keinen Bombast, keine Komplexität, um den Moment zu fixieren und zu wirken.

Die Silhouette der Geige ist nun nicht mehr die eines Objektes, sie durchströhmt Wärme und Wissen. Wenn sie einen Ton ins Leben überführt, kommt es einer suchenden Umarmung gleich. Nun ist er nicht mehr führend im Spiel, er folgt ihr. Er legt sich in ihre Arme.

Rührend ist der Anblick, berührend die Melodie, wenn die Musik unter der Last der Sehnsucht kapituliert.

Die Glocken schlagen einen dunklen Ton an. Acht Mal klopft der Hammer gegen das Rund, dann kehrt Stille ein, auf diesem verlassenen Platz.

Romantik & Charme

Romantik und Charme dürfen nicht professionell werden, sonst sind sie Kalkül und Lüge.

Das Hemd

Unverstanden bleibt das Leben, in dessen Gärten sich ja jeder irrt. Jeder Weg verspricht verwegen, dass der Zweifel zum Erlebnis wird. Und während die Triebe knospen und Lust sich klebrig-süß im Duft verfängt, treiben Dornen aus von Westen bis nach Osten, wo mein Hemd zerschlissen am Versprechen hängt.

SÜSS-SÄUSELNDER WIND

Süss-säuselnder Wind,
Du reisende Seele dieser Welt,
Du, der Du Luft und Leben vereinst, ja,
gar ein Blütenblatt zum Ballett belebst,
Du… bist… meins.

Einsam. wie ich bin – ganz ohne Dich,
was brauch ich schon zum Glücklichsein?
Berühre, begehre und verführe mich.
Ich… bin… Dein.

Oh, süss-säuselnder Wind, ja,
trag‘ mich über Klippen fort zum Meer
Ich war mir doch so sicher; im März auf dem Feldweg
Doch die Luft dort ist heut‘
schwer… und… leer.

Du stehst still und schaust fragend auf diese Welt
rührst dich nicht auf dem Feld aus dem Heu
Der Regen fällt und fällt und fällt
Und nur Tränen bleiben mir noch treu

Du… Wind. Oh weh!
Was hast‘ mir einst versprochen – und
jetzt trocknest Du die Tränen nicht?!
Du hast mein Herz im Sturm gebrochen
Einsam fall ich hinein
in mein eigen‘ Gewicht.

Oh, süss-säuselnder Wind!
Da bist Du wieder! Ich lausche Deinem guten Ton, ja,
ich fühle Dich ganz und gar!
Der letzte Atemzug hat uns verbunden
und war so seltsam wunderbar.