Der eingeübte Blick

Kultivierte Blicke sind mir zu beliebig. Der eingeübte Blick verneint den Ein- und Ausblick, die Wahrheit will er nicht fokussieren, er bleibt sich in jeder Regung untreu und ist der inneren wie auch äußeren Welt nicht mehr, als ein belebtes Stück Plastik hinter Glas.

Im Tunnel

Er kräht. Es ist das Herz, welches seine Stimme mit dunklem Rost belegt und blutrot gefärbt haben muss. Die Ballustrade seiner Rede ist brüchig, die tiefen Töne staubig und trocken, das Timbre ausgehöhlt und dem Zusammenbruch nahe.

Verloren muss das Gesicht sein, dass ich nicht sehen kann, verwahrlost die eigenen Versprechungen und Hoffnungen, die nie schwerer wiegen sollten, als in diesem Moment.

Ein Schrei ohne Körper, ein Schmerz ohne Widerstand.

Die Tränen rollen durch sein Libretto, welches die Worte ersticken lässt und sich nicht mehr in Definitionen verfangen möchte, sondern die großen Fragen verhandeln will: Keiner außer mir.

In diesen Furor, dessen treibende Kraft das eigene Bedauern ist, plätschern die Tränen wie der Regen, vor dem er in diesem Tunnel Zuflucht finden wollte. Doch bleibt das Grollen und die Kälte ganz bei ihm, als würde er die Wolken an der Leine halten wie einen Regenschirm, der regnet.

Der Tunnel bietet ihm einen Gesprächspartner ohne Widerworte: Sein Echo wirkt wie ein Verstärker der Gefühle und hört ihm zu, pflichtet ihm bei und wiederholt mantraartig jeden Ausdruck, der nun sphärisch durch das Dunkel geistert. Dann wird es still. Eine Flasche fällt zu Boden, eine neue wird geöffnet. Dann stoßen sie einander an. Es ertrinken die Worte, die keine sind. Das Gespräch, welches keines war, rauscht wie eine Welle durch die Unterführung. Neben seinem Echo schläft er ein. Dort, wo ein Lichtschein schon die ersten Tropfen trocknet, verebbt die letzte Botschaft.

Was bleibt, ist ein stummer Mann unter seinem dunklen Schatten.

Der Geiger

Man hört zwischen alten Giebeln mehr, als man sieht. In diesem Gedanken tönt eine Geige leise aus der Ferne. Die Saiten wirken wie vom Wind umspielt, etwas zaghaft kommen die Noten zu Gehör, vielleicht sogar schüchtern, suchend nach dem Klang, der den Gedanken hörbar machen soll und finden ihn in einem ersten ernsten, einem zweiten, traurigen und dann einem dritten, einem vermittelnden Ton.

Der Mann, der so spielt, steht neben dem Roland auf dem Bremer Rathausplatz, innerhalb der Szenerie, die er selbst mit seinem Bogen malt – doch außerhalb seiner selbst. Seine feinen Gesichtszüge, die sich immer nur am Wolkenbild orientieren, bleiben so nachdenklich, wie sein Spiel. Der gewickelte, vielfach geschnürte und mit einer Schleppe geschnittene schwarze Mantel gibt ihm die Taillie und die Ruhe einer Sanduhr und der Schweif, mit dem dieser Mantel vom Wind über den Asphalt gehoben wird, gleicht dem eines stolzes Rosses bei einem wilden Ritt durch ein Land, das niemanden gehört.

Seine schulterlangen Haare sind schwarz wie Graphit und kontrastieren das blasse, fein gepuderte Gesicht mit einem wehenden Schatten.

Etwas fehlt. Erst jetzt bemerke ich, dass es nicht die Geige ist, die hier klagend weint. Seine Trauer könnte ein ganzes Orchester tragen, doch braucht sie keinen Bombast, keine Komplexität, um den Moment zu fixieren und zu wirken.

Die Silhouette der Geige ist nun nicht mehr die eines Objektes, sie durchströhmt Wärme und Wissen. Wenn sie einen Ton ins Leben überführt, kommt es einer suchenden Umarmung gleich. Nun ist er nicht mehr führend im Spiel, er folgt ihr. Er legt sich in ihre Arme.

Rührend ist der Anblick, berührend die Melodie, wenn die Musik unter der Last der Sehnsucht kapituliert.

Die Glocken schlagen einen dunklen Ton an. Acht Mal klopft der Hammer gegen das Rund, dann kehrt Stille ein, auf diesem verlassenen Platz.

Romantik & Charme

Romantik und Charme dürfen nicht professionell werden, sonst sind sie Kalkül und Lüge.

Das Hemd

Unverstanden bleibt das Leben, in dessen Gärten sich ja jeder irrt. Jeder Weg verspricht verwegen, dass der Zweifel zum Erlebnis wird. Und während die Triebe knospen und Lust sich klebrig-süß im Duft verfängt, treiben Dornen aus von Westen bis nach Osten, wo mein Hemd zerschlissen am Versprechen hängt.

SÜSS-SÄUSELNDER WIND

Süss-säuselnder Wind,
Du reisende Seele dieser Welt,
Du, der Du Luft und Leben vereinst, ja,
gar ein Blütenblatt zum Ballett belebst,
Du… bist… meins.

Einsam. wie ich bin – ganz ohne Dich,
was brauch ich schon zum Glücklichsein?
Berühre, begehre und verführe mich.
Ich… bin… Dein.

Oh, süss-säuselnder Wind, ja,
trag‘ mich über Klippen fort zum Meer
Ich war mir doch so sicher; im März auf dem Feldweg
Doch die Luft dort ist heut‘
schwer… und… leer.

Du stehst still und schaust fragend auf diese Welt
rührst dich nicht auf dem Feld aus dem Heu
Der Regen fällt und fällt und fällt
Und nur Tränen bleiben mir noch treu

Du… Wind. Oh weh!
Was hast‘ mir einst versprochen – und
jetzt trocknest Du die Tränen nicht?!
Du hast mein Herz im Sturm gebrochen
Einsam fall ich hinein
in mein eigen‘ Gewicht.

Oh, süss-säuselnder Wind!
Da bist Du wieder! Ich lausche Deinem guten Ton, ja,
ich fühle Dich ganz und gar!
Der letzte Atemzug hat uns verbunden
und war so seltsam wunderbar.

BLÄTTCHEN

Eine Frühlingsbrise kann die schweren Schritte des Mannes nur noch beschleunigen, doch nicht mehr erleichtern. Sein Gesicht ist offensiv und dem Gegenwind ausgesetzt.

Jetzt greift er sich aus einem kleinen Dösschen, dass er aus seiner Jackentasche zupft, etwas weißes heraus; die andere nestelt schon im Tabaktütchen.

Es rauscht der Wind, die weißen Blättchen fliegen wie von Zauberhand gen Himmel hoch, doppeln sich – wieder und wieder, bekommen nun Unterstützung ihrer Schatten und regnen als schwarzweißes Konfettimeer im Lichtschnitt der Sonne auf das Pflaster nieder.

Der Mann verflucht die Szenerie wiederkehrend wortkarg, doch eben dieses eine Wort bleibt als Solist für den Rest des Weges an der Stelle stehen, als der Applaus der vorbeifahrenden Autos auf den Pflastersteinen schon verklungen ist. Die Zigarette gegen den Stress ist nun ein Kampf gegen die Welt geworden, eine leuchtende Fackel des Furors gegen die Ungerechtigkeit der falschen Perspektive.

CHORAL

Ein Mann des Glaubens fährt auf einem Fahrrad vorbei und singt den Choral seiner Messe mit der Stimme der Hunderten, die heute zu Hause geblieben sind.

LIEBES LEBEN

Du, das einzig Wahre
Betrügst mich all die Jahre
Schon, verkaufst Dich als Ware
Nur, bist nicht das reine Klare

Gefühle, rare, sie verschwinden
hinter dem Schafott binden
sie bereits das rote Tuch der
blinden Liebe auf Geheiß der
ewigen Einsamkeit weiß
jeder der jemals innig heiß liebte
dass sie wahrlich nur nicht ewig ist,
die Liebe.

Rotes Tuch im Winde wehend
die Augen offen sehend des Messers Schneide
blanke Schärfe im glitzernden Kleide
Ein Klischee, ein Fallbeil der Gesellschaft
Ruiniert Köpfe voller Leidenschaft
Köpfe voller Liebe sind am Ende Opfer
einfachster Triebe und so schlägt am Ende
immerzu: Der einfache Trieb das alte Tabu.

MEIN HERZ

»Mein Herz ist nicht kalt. Es ist nicht einmal verkühlt. Mein Herz brennt, ist flüssige Lava, ist Feuer, ist Flamme, ist heißes Öl, ein Feuerwerk, ein glitzerndes Licht dort, wo sonst nur Dunkelheit herrscht. Mein Herz brodelt und pumpt heißes Wachs durch meinen Körper.

Mein Herz – Bedrohlich gibt es tickend Warnungen ab, ein Stichen mal, gar ein ziehen, ein zehren. Ein verzehren nach Dir. Der Zünder ist scharf und Funken sprühen durch den Körper. Die Liebe ist eine Lunte zum Leben.

Mein Herz gibt mir Stärke und lässt mich Schwach werden, kann alles auf einmal sein: Ein Helfer, ein Hindernis, ein Halunke und ein Helios. Es ist Haudegen, Haubitze und Harlekin, Täter und Opfer in einem.

Ein Kind, welches arglos das erste Mal die Erfahrung mit Kummer und Schmerz macht, wird diesen Augenblick ein Leben lang im Herzen tragen. Doch ist das Herz selbst einmal verletzt…

Mein Schmerz – Er sitzt tief. Er brennt wie Feuer, wie eine Flamme, wie heißes Öl. Mein Schmerz gibt mir Schwäche und lässt mich stark sein. Er ist kein Helfer, kein Hindernis, kein Halunke und kein Helios. Er tut weh. Er reißt, er tobt.

Mein Herz rast, weil es nun für ein zweites Leben schlägt und meines nicht vernachlässigen möchte. Wie in kleines Kind macht es auf sich aufmerksam, weil es Angst hat, nicht gehört zu werden, verletzt zu werden, zu verlieren und zu fallen.

Mein Herz brennt für Dich, es verbrennt sich für Dich, es hinterlässt nichts als Asche in meinen Gefühlen, weil der Motor meiner Leidenschaft rumort, gar heiß läuft und was soll ich sagen: Mir gefällt der Schmerz. Mir gefällt mein Herz. Es ist das ehrlichste in mir und lässt sich von mir nicht lenken. Es ist ein undressierter Löwe, ein animalisches Überbleibsel, ein Fremdkörper in einer Welt, in der alles bestimmt oder geplant, getaktet oder vermittelt werden muss.

Mein Herz zeigt mit jedem Schlag in meinem Körper, dass es nur für Dich existiert. Es gibt nichts, gar nichts, wofür ich sonst diese Schläge kassieren würde wie der gefesselte Gegner eines Profiboxers in der Manege der Gefühle wenn nicht: Für die Liebe, für die eine ganz große, unerreichbare Liebe, für Dich.«