Romantik & Charme

Romantik und Charme dürfen nicht professionell werden, sonst sind sie Kalkül und Lüge.

Das Hemd

Unverstanden bleibt das Leben, in dessen Gärten sich ja jeder irrt. Jeder Weg verspricht verwegen, dass der Zweifel zum Erlebnis wird. Und während die Triebe knospen und Lust sich klebrig-süß im Duft verfängt, treiben Dornen aus von Westen bis nach Osten, wo mein Hemd zerschlissen am Versprechen hängt.

SÜSS-SÄUSELNDER WIND

Süss-säuselnder Wind,
Du reisende Seele dieser Welt,
Du, der Du Luft und Leben vereinst, ja,
gar ein Blütenblatt zum Ballett belebst,
Du… bist… meins.

Einsam. wie ich bin – ganz ohne Dich,
was brauch ich schon zum Glücklichsein?
Berühre, begehre und verführe mich.
Ich… bin… Dein.

Oh, süss-säuselnder Wind, ja,
trag’ mich über Klippen fort zum Meer
Ich war mir doch so sicher; im März auf dem Feldweg
Doch die Luft dort ist heut’
schwer… und… leer.

Du stehst still und schaust fragend auf diese Welt
rührst dich nicht auf dem Feld aus dem Heu
Der Regen fällt und fällt und fällt
Und nur Tränen bleiben mir noch treu

Du… Wind. Oh weh!
Was hast’ mir einst versprochen – und
jetzt trocknest Du die Tränen nicht?!
Du hast mein Herz im Sturm gebrochen
Einsam fall ich hinein
in mein eigen’ Gewicht.

Oh, süss-säuselnder Wind!
Da bist Du wieder! Ich lausche Deinem guten Ton, ja,
ich fühle Dich ganz und gar!
Der letzte Atemzug hat uns verbunden
und war so seltsam wunderbar.

BLÄTTCHEN

Eine Frühlingsbrise kann die schweren Schritte des Mannes nur noch beschleunigen, doch nicht mehr erleichtern. Sein Gesicht ist offensiv und dem Gegenwind ausgesetzt.

Jetzt greift er sich aus einem kleinen Dösschen, dass er aus seiner Jackentasche zupft, etwas weißes heraus; die andere nestelt schon im Tabaktütchen.

Es rauscht der Wind, die weißen Blättchen fliegen wie von Zauberhand gen Himmel hoch, doppeln sich – wieder und wieder, bekommen nun Unterstützung ihrer Schatten und regnen als schwarzweißes Konfettimeer im Lichtschnitt der Sonne auf das Pflaster nieder.

Der Mann verflucht die Szenerie wiederkehrend wortkarg, doch eben dieses eine Wort bleibt als Solist für den Rest des Weges an der Stelle stehen, als der Applaus der vorbeifahrenden Autos auf den Pflastersteinen schon verklungen ist. Die Zigarette gegen den Stress ist nun ein Kampf gegen die Welt geworden, eine leuchtende Fackel des Furors gegen die Ungerechtigkeit der falschen Perspektive.

CHORAL

Ein Mann des Glaubens fährt auf einem Fahrrad vorbei und singt den Choral seiner Messe mit der Stimme der Hunderten, die heute zu Hause geblieben sind.

LIEBES LEBEN

Du, das einzig Wahre
Betrügst mich all die Jahre
Schon, verkaufst Dich als Ware
Nur, bist nicht das reine Klare

Gefühle, rare, sie verschwinden
hinter dem Schafott binden
sie bereits das rote Tuch der
blinden Liebe auf Geheiß der
ewigen Einsamkeit weiß
jeder der jemals innig heiß liebte
dass sie wahrlich nur nicht ewig ist,
die Liebe.

Rotes Tuch im Winde wehend
die Augen offen sehend des Messers Schneide
blanke Schärfe im glitzernden Kleide
Ein Klischee, ein Fallbeil der Gesellschaft
Ruiniert Köpfe voller Leidenschaft
Köpfe voller Liebe sind am Ende Opfer
einfachster Triebe und so schlägt am Ende
immerzu: Der einfache Trieb das alte Tabu.

MEIN HERZ

»Mein Herz ist nicht kalt. Es ist nicht einmal verkühlt. Mein Herz brennt, ist flüssige Lava, ist Feuer, ist Flamme, ist heißes Öl, ein Feuerwerk, ein glitzerndes Licht dort, wo sonst nur Dunkelheit herrscht. Mein Herz brodelt und pumpt heißes Wachs durch meinen Körper.

Mein Herz – Bedrohlich gibt es tickend Warnungen ab, ein Stichen mal, gar ein ziehen, ein zehren. Ein verzehren nach Dir. Der Zünder ist scharf und Funken sprühen durch den Körper. Die Liebe ist eine Lunte zum Leben.

Mein Herz gibt mir Stärke und lässt mich Schwach werden, kann alles auf einmal sein: Ein Helfer, ein Hindernis, ein Halunke und ein Helios. Es ist Haudegen, Haubitze und Harlekin, Täter und Opfer in einem.

Ein Kind, welches arglos das erste Mal die Erfahrung mit Kummer und Schmerz macht, wird diesen Augenblick ein Leben lang im Herzen tragen. Doch ist das Herz selbst einmal verletzt…

Mein Schmerz – Er sitzt tief. Er brennt wie Feuer, wie eine Flamme, wie heißes Öl. Mein Schmerz gibt mir Schwäche und lässt mich stark sein. Er ist kein Helfer, kein Hindernis, kein Halunke und kein Helios. Er tut weh. Er reißt, er tobt.

Mein Herz rast, weil es nun für ein zweites Leben schlägt und meines nicht vernachlässigen möchte. Wie in kleines Kind macht es auf sich aufmerksam, weil es Angst hat, nicht gehört zu werden, verletzt zu werden, zu verlieren und zu fallen.

Mein Herz brennt für Dich, es verbrennt sich für Dich, es hinterlässt nichts als Asche in meinen Gefühlen, weil der Motor meiner Leidenschaft rumort, gar heiß läuft und was soll ich sagen: Mir gefällt der Schmerz. Mir gefällt mein Herz. Es ist das ehrlichste in mir und lässt sich von mir nicht lenken. Es ist ein undressierter Löwe, ein animalisches Überbleibsel, ein Fremdkörper in einer Welt, in der alles bestimmt oder geplant, getaktet oder vermittelt werden muss.

Mein Herz zeigt mit jedem Schlag in meinem Körper, dass es nur für Dich existiert. Es gibt nichts, gar nichts, wofür ich sonst diese Schläge kassieren würde wie der gefesselte Gegner eines Profiboxers in der Manege der Gefühle wenn nicht: Für die Liebe, für die eine ganz große, unerreichbare Liebe, für Dich.«

DER SCHREI

»Ein Schrei braucht die Einsamkeit der Stille, um wachsen zu können. Er gibt dem Klang einen Körper und der Seele seine Stimme.«

ZIELE

»Ziele sind gefährlich. Man neigt dazu, nicht vom Weg abzukommen.«

WEG DER WELLEN

Tausend Meilen vom Ufer fort in den Weiten des Ozeans, wo der Mond noch keine Konturen hat und in der Tiefe des Wassers vergeht, begab sich einst der schneidige Jacobs Christian Anderson mit seiner weißen kleinen Galeone, der „Varend Koraal“, im Jahre 1856 auf den „Weg der weißen Wellen“, hin zu einem nie kartografierten Punkt, wo sich der Sage nach „die schönste Perle in flüssiges Perlmutt verwandelt“. Dieses flüssige Perlmutt ist so wertvoll und selten, dass es – obwohl es schon tausende Seelen in die Tiefen gezogen hat – noch immer der Traum eines jeden Seemannes ist, nur einen guten Tropfen davon aufzufangen. Man sagt dem flüssigen Perlmutt magische Kräfte nach, gilt es doch noch heute über alle Landesgrenzen hinweg als die „Träne der weißen Unschuld“ und damit als größte Reliquie der sieben Weltmeere. Wer sie erlangt, soll ewig frei von Zorn und Lastern sein – doch wer sie verliert, wird, so die Geschichte, in den rauschenden Fluten ihrer Einsamkeit ertrinken.

Doch vorerst galt es für Jacobs Christian Anderson, sie zu erreichen. Und weil die Geschichten rund um die Göttin der Meere und ihre Tränen nie bewiesen, aber auch nie wirklich widerlegt werden konnten, fuhr er allein auf rauer See und nahm allerhand Torturen auf sich, um mit dem Kompass seines Vaters, seiner Zuversicht und dem kleinen Buch, indem sein alter Herr einst diese Geschichten notierte, den Punkt zu erreichen, an dem er niemals mehr Zorn empfinden sollte.

Es vergingen Tage und Nächte. Das Gold der Sonne konkurrierte mit dem königsblauen Umhang ruhiger Nächte, deren sanfte Wellen ihn in den Schlaf schaukelten, um seine Gunst. Soweit entfernt von aller Zivilisation, frei aller Sorgen, Zwängen und Konventionen erlebte Jacobs Christian Anderson das erste Mal die Vorzüge absoluter Freiheit. Hier, mitten auf dem Meer, musste er sich keine Gedanken machen über Gold und Silber, über Handel und Aufgaben. Kein anderes Schiff traute sich soweit hinaus in die Weite, wo der Horizont plötzlich greifbar wird. Er stellte eine silberne Münze vor die Sonne auf die Reling und kniete sich nieder. Nun stand das Silberstück auf der Linie des Horizonts. Solange er nicht gegen ihn fahren würde, amüsierte er sich, stünde die Münze stabil wie festgeklebt auf dem Geländer. Er sollte sich bald wundern.

Das Geräusch brechenden Holzes war von aggressivem Aufruhr zersetzt. Zusammen mit der Münze schoss Jacobs Christian Anderson über die Reling einige Meter Tief auf das Unterdeck und verlor nicht nur sein Bewusstsein, sondern auch eben jene Münze, die nun über die zerberstenden Bohlen rollend mit Effet ins Wasser sprang, welches sich in immer größerer Gier durch das Schiff schlängelte.

Als er wieder zu sich kam, trieb er unweit von der noch schwimmenden Hälfte seiner kleinen Galeone auf einem Stück zusammengehaltener Holzbretter. Träumte er? Was mag er wohl gedacht haben, als er sah, dass Teile des Bugs seiner „Varend Koraal“ die Wolken durchschnitten und einen großen Riss im Himmelszelt hinterlassen haben? Tatsächlich ist es wahr: Jacobs Christian Anderson ist gegen den Horizont gefahren. Die Freiheit, die endlose Weite… Ein Märchen! Wenn die Geschichten aus dem Buch seines Vaters wirklich nur Seemannsgarn gewesen sein sollten – diese hier war in der Realität verankert. Sicherheitshalber kniff er sich in den Unterarm. Doch – Es ist es ist wahr. Er träumte nicht. Er saß zwischen Wellen und Wolken auf einem kleinen Plateau aus Holz und sah seinem Schiff dabei zu, wie es in einem zerrissenen Stück des Himmels seine Anker lichtete. Das Wasser plätscherte sanft gegen die Rundung des Horizonts, die Sonne ließ das Meer weiß werden.

Doch dann… War da nicht etwas? Es war kaum hörbar. Ein undeutlicher Klang, weit entfernt von messerscharfer Klarheit und eingepackt in Truhen und Laken, so gedämpft und unscheinbar trat er an die Oberfläche, als der Klang mit kleinen Perlen aus Sehnsucht und Leidenschaft das Wasser verließ, um sich durch die Luft in seine Ohren zu legen. Nervös schaute er sich um. Da war es wieder.

Der Gesang hob erst seinen Geist in die Höhe und dann seinen Körper, drückte beides jedoch schnell wieder mit Lust und Macht zur Verneigung auf den Boden. Die Noten waren von sanfter Schönheit, aber in der Kunst ihrer Verführung sowohl geübt als auch gefährlich. Er schloss die Augen, einerseits, weil der Genuss und die Gier so groß und intensiv waren, andererseits, weil es nicht seiner Gewohnheit entsprach, gegen die eigenen Gefühle derart ankämpfen zu müssen. Er sah nicht, dass sich aus weiter Ferne eine Welle auftat, groß und weit wie der Himmel selbst und so tosend und wild wie ein Orkan. Er sah nicht, dass sie eine Krone trug aus Gischt und Geifer und sich wie die weiße Dame auf dem Schachbrett in hoher Geschwindigkeit auf ihn zubewegte, um ihr Spiel für sich zu gewinnen. Sein Bedürfnis, in den Klängen zu versinken, wurde ein körperliches. Erregt war er von dem süßen Säuseln der See, Schweißperlen funkelten auf seiner Stirn, rannen hinunter in die Fluten und gaben dem Meer das zurück, was vorher von der Hitze seines Fiebers vernichtet worden ist. Sein Herz schlug im Takt der immer höher werdenden Wellen, sein Pulsschlag vereinte sich mit dem des Meeres, süchtig war er nun, trunken von der See, von Salz an seinen Lippen und Augen so funkelnd wie das Meer, von flüssigem Perlmutt und weißen Wegen, von donnernder Gischt und ihn auspeitschenden Wellen.

Der Gesang gewann an Wucht, wurde aufbrausender, kletterte jetzt die Tonleiter rauf und runter, raste furios auf den aufschlagenden Wellen und stürzte sich dann wieder in die tiefen des Meeres um neuerdings wieder aufzutauchen. Jacobs Christian Anderson riss sich das zerschlissene Hemd vom Leib und wollte sich der See voll und ganz ergeben. Mit geschlossenen Augen und offener Geste empfing er die auf ihn zurollende Wand weißen Wassers wie das Segel den Wind und als Jacobs Christian Anderson seinen Kopf in den Nacken legte, um den Kuss der See zu empfangen, zerriss die Welle innerhalb eines Augenschlags alles, was einst seine Gegenwart und nunmehr eine Vergangenheit war. Mit dem Aufprall war die „Varend Koraal“ nur noch eine Erinnerung, genauso wie der Riss am Ende des Horizonts – er war, wie Jacobs Christian Anderson auch, verschwunden.

Vereint mit seiner Galeone sank Jacobs Christian Anderson dem Ruf der See folgend gen Untergang, genoss den Tiefenrausch mit allen Sinnen, atmete das Wasser ein und ließ es über die Lungen hin bis in sein Herz eindringen. Jede Vene war durchströmt von Wellen aus Salzwasser, er streckte und wandte sich in den Fluten und nun fand auch eine kleine Freudenträne ihren Weg in das Meer und ging die Verbindung ein, die ewig bleibt.

Taucht man unter dem Horizont hindurch, viele Meilen tief, dorthin wo sich Wolken und Wellen vereinen, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen Himmel und Erde, dort weint die Göttin der Meere in tiefer Trauer ihrer Sehnsucht und schreit die Namen ihrer verlorenen Seelen. Jede salzige Träne fließt zurück in das Meer, verleiht ihm neue Kraft und Größe. Jede ist das Leben, doch entsteht sie aufgrund der traurigen Gewissheit, dass jeder stirbt, der sie liebt. Nie wird sie einem ihrer Verehrer begegnen können, denn was ihre Luft zum Leben ist, ist für andere das sichere Ertrinken. Und so bleibt sie stets allein zurück mit der Freiheit, die das Meer verspricht. Doch dieses Versprechen macht einsam.