Der Akkordeonist 

Zum treibenden Fingerspiel des Akkordeonisten tanzen die Touristen als Figuren auf dem Tableau des Bremer Marktplatzes: Dort stehen sie nun – vereinzelt und für sich im Winkel justiert und drehen die Körper mechanisch im Halbrund zum Zweivierteltakt. Bedeckt von Displays lassen sich die konzentrierten Gesichter großer Meister nur erahnen, die erhaben ihre digitalen Panoramen betrachten wie holzgeschnitzte Heiligenfiguren die Kathedralen: »Dies ist mein Werk. Hier war ich ein Teil davon.«, wird in den Chroniken von Facebook stehen und Leute werden kommentieren: »Schön.«

Doch das Weitergehende bleibt verborgen, der eigentliche Sinneseindruck unsichtbar – denn ist es nicht die Architektur allein, welche die »gute Stube« der Hansestadt so wertvoll macht:

Der Akkordeonspieler lässt keinen Applaus zu, gibt dem Spiel die Anmutung der Ewigkeit und verklärt den Moment als einen guten, kräftigen Ton. Und dann noch einen. 

Die eine Hand ist die routinierte, die andere Hand die gierige und manchmal wechseln sie einander ab: Dann greift die gierige in die Knöpfe und die andere ins Geld um neuen Platz für Honorierung zu schaffen.

Seine Musik ist die Intensivierung dessen, was wir sehen: Das Licht, die Stimmen, die Formen, ja, selbst der Färbung des Mauerwerks gibt er einen Klang. 

Links pfeift der Könner, rechts tanzt der Kenner und in der Mitte wird ein Obdachloser zum Dirigenten der gesamten Szenerie, wo seine Hände im Takt des Tangos reißaus nehmen, um am nächsten Tisch des Straßencafés in Bittstellung zu gehen.