Der Geiger

Man hört zwischen alten Giebeln mehr, als man sieht. In diesem Gedanken tönt eine Geige leise aus der Ferne. Die Saiten wirken wie vom Wind umspielt, etwas zaghaft kommen die Noten zu Gehör, vielleicht sogar schüchtern, suchend nach dem Klang, der den Gedanken hörbar machen soll und finden ihn in einem ersten ernsten, einem zweiten, traurigen und dann einem dritten, einem vermittelnden Ton.

Der Mann, der so spielt, steht neben dem Roland auf dem Bremer Rathausplatz, innerhalb der Szenerie, die er selbst mit seinem Bogen malt – doch außerhalb seiner selbst. Seine feinen Gesichtszüge, die sich immer nur am Wolkenbild orientieren, bleiben so nachdenklich, wie sein Spiel. Der gewickelte, vielfach geschnürte und mit einer Schleppe geschnittene schwarze Mantel gibt ihm die Taillie und die Ruhe einer Sanduhr und der Schweif, mit dem dieser Mantel vom Wind über den Asphalt gehoben wird, gleicht dem eines stolzes Rosses bei einem wilden Ritt durch ein Land, das niemanden gehört.

Seine schulterlangen Haare sind schwarz wie Graphit und kontrastieren das blasse, fein gepuderte Gesicht mit einem wehenden Schatten.

Etwas fehlt. Erst jetzt bemerke ich, dass es nicht die Geige ist, die hier klagend weint. Seine Trauer könnte ein ganzes Orchester tragen, doch braucht sie keinen Bombast, keine Komplexität, um den Moment zu fixieren und zu wirken.

Die Silhouette der Geige ist nun nicht mehr die eines Objektes, sie durchströhmt Wärme und Wissen. Wenn sie einen Ton ins Leben überführt, kommt es einer suchenden Umarmung gleich. Nun ist er nicht mehr führend im Spiel, er folgt ihr. Er legt sich in ihre Arme.

Rührend ist der Anblick, berührend die Melodie, wenn die Musik unter der Last der Sehnsucht kapituliert.

Die Glocken schlagen einen dunklen Ton an. Acht Mal klopft der Hammer gegen das Rund, dann kehrt Stille ein, auf diesem verlassenen Platz.