Wenn es um unsere Fotokurse in Bremen geht, sind wir jedes Mal Feuer und Flamme. Dieses Mal jedoch, hat Phil die Losung wohl etwas zu wörtlich genommen: Gemeinsam haben wir die Hollerstraße 6 im Bremer Viertel buchstäblich in Brand gesetzt! Den einen oder anderen Passanten haben wir mit unseren Ideen derart entflammt, dass nach vielen Stunden aufregender Vorbereitung mehrere Touristen dabei sein wollten, als wir das Foto anfertigten. Doch was ist eigentlich passiert?!

Fotoschule Bremen – Alles beginnt mit einer Reise
Für jeden Fotokurs gibt es ein bestimmtes Thema. So war es beim letzten Fotokurs das Thema „Teppichfärber“ und der PHILPORTER Akademie zuvor „Werden & Sein“. Für den letzten Kurs im Jahr 2019 sprudelten dann gleich drei Inspirationsquellen aus Phil heraus, zusammengefasst unter dem Motto:

MACHT & OHNMACHT

1. Der Brand vor dem Kinderzimmer
Phil berichtete über einen Brand, der vor vielen Jahren einst vor dem Kinderzimmer seines Elternhauses loderte. In dieser Zeit trieb der sogenannte „Feuerteufel“ sein Unwesen in Bremen. Medial groß beachtetet, zündete das nächtliche Phantom Garagen, Häuser und Autos an – und in einer verhängnisvollen Nacht auch einen Berg aus Plastikmöbeln aus dem Restaurant von Phils Eltern. Die Flammen stiegen hoch bis in den großen Baum vor dem Kinderzimmer, dessen Krone direkt vor dem Fenster thronte. Die Blätter fingen Feuer und das Flammenspiel brachte die Familie um den Schlaf: Phil erwachte und rannte zum Fenster, dessen Jalousien rot und gelb schimmerten.

Fast greifbar waren die Flammen, die jetzt das Haus bedrohten. Schnell waren auch die Eltern geweckt, die Feuerwehr gerufen und der Weg nach draußen genommen, um selbst mit dem Löschen zu beginnen. Die Stühle und Tische haben sich in Form und Ausstrahlung verändert. Beeindruckend ist es für Phil noch heute, wie sich eine Person so einfach so viel Macht geben kann, eine Existenz mit einem Streichholz oder einem Feuerzeug so einfach zu zerstören. Fasziniert von dem Geruch, der Hitze und dem flüssigen Plastik fand er die Tat damals zwar schon beängstigend, gleichwegs aber auch – Zitat – „sexy.“. Ein kleiner Junge spürt erstmals deutlich die Rebellion und die unbändige Kraft, die in einem Menschen schlummert.

2. Protestkultur der Gegenwart
Doch wie konnten Phils heutige Gedanken soweit in der Vergangenheit landen? Tatsächlich waren es die Bilder zahlreicher Proteste auf der ganzen Welt: Brennende Barrikaden, Molotow-Cocktails, Autoreifen und ganze Straßenzüge in Schutt und Asche. In prämierten Presse-Aufnahmen sehen die Protestierenden wie barocken Gemälden entsprungen aus: Leidenschaftlich schwitzend und innerlich vollendet, entflammt, ergeben… heroisch mit der Fahne im Wind – wie Marianne auf den Barrikaden. Das wiederum führte Phil zu:

3. Protestbilder in der Kunst
Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix ist das wohl bekannteste Gemälde eines gewaltsamen Aufstands. Das Bild mit der barbusigen Nationalheldin ist für Phil die ästhetische Inspiration. Für ihn stellt dieses Bild den brutalen und dramatischen Kampf in unglaublicher Schönheit da. „Man kann die Freiheit fühlen, aber auch den Konflikt, den sie mit sich bringt. Alle moralischen Überlegungen, all der Tod und die Verzweiflung sind ebenso anwesend wie die schwebende Erleichterung, die wie ein Wind durch die verrußte Stadt weht“.

Feingefühl für ein schwieriges Thema
Diese drei Quellen sollten also die Grundlage für das neue Bild sein. Damit sich die Teilnehmer sinnlich auf das Thema einstellen konnten, gab es zum festlich gedeckten Tisch ein Kontrastmenü serviert: Waffen auf den Plätzen, im Hintergrund hörte man Leute schreien, auf dem Monitor wurden Bilder von Demonstrationen gezeigt. Plötzlich waren die Teilnehmer des Fotoworkshops mittendrin.

Macht & Materialien
Feuer als Symbol war ebenso gesetzt, wie die Farbe des Fotos: Schwarz sollte es werden. Schwarz wie verbrannte Erde, schwarz wie Vermummung, schwarz wie die Nacht. Das Licht sollte kalt und grell sein, ähnlich der Atmosphäre eines Suchscheinwerfers. Öl, Benzin und Kohle sollten fühlbar auf dem Foto präsent sein – ohne wirklich im Atelier zur Anwendung zu kommen. Zu guter Letzt sollten zahlreiche Symbole der Macht aufgegriffen werden. Inspiration war einfach zu finden, schließlich belichten tagtäglich zahlreiche Fotos und Videos einzelner Proteste auf dieser Welt unsere Netzhaut. Doch wie soll man all dies zusammenbringen? Die Antwort lag eines Tages auf der Straße: Ein Sperrmüllhaufen inspirierte Phil zur Collage unterschiedlicher Materialien.

Die Schönheit des Aufstands
Schon die Theater- und Filmfassungen von „Les Miserables“ hatten diese Idee aufgegriffen und die große ikonische Barrikade des Romans aus Möbelstücken gebaut. Entstanden ist dort eine romantisierte, ästhetische Variation, soetwas wie die Poesie eines Protests oder die Schönheit des Aufstands.

Anders als bei dieser ikonenhaften Darstellung der Barrikade, wollte Phil alles zu einem großen Ganzen zusammenfügen: Das Model sollte eine ähnliche Textur haben wie der Hintergrund, die einzelnen Gegenstände nicht auf den ersten Blick erkennbar sein. Daher, so sagt er, kam die Idee, alles zusammenschmelzen zu lassen: Das Feuer wäre auf sinnlicher Ebene präsent, ebenso eine ölige Textur, es wäre schwarz und glänzend, fast viskos. Also: Her mit dem Flammenwerfer!

Das Spiel mit dem Feuer
Am Abend vor der Akademie waren dann alle Materialien parat. Phil hat ein großes und massives Gitter aufgetrieben, welches mit glänzender Teichfolie bezogen und dann flambiert wurde, um die Struktur des Gitters durch die Folie sichtbar werde zu lassen. Als zweite Schicht wurden hauchdünne Hochglanzfolien behutsam mit der dicken Hintergrundfolie verschmolzen, um das Gebilde flüssig aussehen zu lassen. Polizeihelme für Kinder mit Schlagstock und Handschelle gab es im Komplettpaket bei Amazon (Ja, wirklich.) und Spielzeugpistolen hatten wir noch von einem anderen Shooting übrig.

Eine Stuckrosette wurde erst eingefärbt, dann mit Schmutz beworfen, zerbrochen und zerschlissen und zu guter Letzt mit Stacheldraht vollendet, um später als gebrochener Heiligenschein den Mittelpunkt des Fotos einzufassen. Während der Deckenstuck „Street credibility points“ sammelte, ging es auf der Straßenseite gegenüber heiß her:

Mit vereinten Kräften und jeder Menge Feuerkraft wurde der Hintergrund langsam zu einer undefinierbaren Struktur verformt. Und auch im Studio des „Salon Obscura“ war die Aufregung greifbar. Während im Hintergrund orchestrale Klänge großer Kino-Kassenschlager ihre Bässe vorschickten, wurde unser Model Arne mit schwarzer Farbe eingeölt.

Für ihn hieß das: Durchhalten. Dort, wo die Farbe trocknet, spannt die Haut. Und diese Anspannung ist bei einem solchen Aufwand durchaus verständlich, aber auch unangenehm. Deshalb wurde die Farbe auf Arnes Haut nun immer wieder neu mit Wasser aufgefrischt. Gemeinsam mit den Teilnehmern des Fotokurses wurde indes der angefertigte Hintergrund in das Fotostudio getragen.

Der Geruch von abgebranntem Plastik durchzog den Raum und plötzlich war Phils Erinnerung bei allen Teilnehmern präsent. Im strahlenden Licht der Scheinwerfer wirkt der Hintergrund nun schon im Kleinen so wie die Nachrichtenbilder aus der ganzen Welt.

Interaktiver Fotokurs

Während das Videoteam den ganzen Prozess aufmerksam beobachtete, um den Teilnehmern des Lehrgangs später ein Andenken in bewegten Bildern mit auf den Weg zu geben, setzen das Team PHILPORTER und die Gäste nun das Bild zusammen…

Arne wurde vor dem Hintergrund platziert, unbemalte Stellen seines Körpers vollendet, der Heiligenschein mit einem Stativ in richtiger Höhe platziert und die Requisiten fertig präpariert.

Es galt nun also – ohne das ganze Haus abzubrennen – einen Molotovcocktail zu basteln, der für das Foto dann auch in Brand gesetzt werden sollte. Auch das andere Requisit – ein Tankschlauch aus dem möglichst realistisch aussehendes Benzin sprudeln sollte – galt es, in das Bild zu integrieren. Mit Sprühlack und Farbpigmenten zeigte Phil den Teilnehmern der Fotoakademie, auf welche Details er bei solch einem Foto Wert legt.

Nun war es endlich soweit: Jeder hatte jetzt eine ganz eigene Aufgabe: Die Einen hielten die Reflektoren, die Andere kümmerte sich um das Licht, einer zündete den Molotovcocktail an und kontrollierte, dass nichts brennt, außer das in Lampenöl getunkte Stück Stoff.

Die Zuschauer, die interessiert von der Straße dazu kamen, hielten den Atem an. Es blitzte, es knisterte, es rauchte. Schon nach wenigen Minuten war dann alles im Kasten.

Der letzte Akt: Das fertige Foto

Nach einer gemeinsamen Runde kühler Getränke, viel Gelächter und einer ausgiebigen Dusche für Arne, schritten wir zum großen Finale des Fotokurses.

Da es sich bei der PHILPORTER-Akademie nicht um einen Technikworkshop handelt, sondern kreativität, Ideenfindung und der Umgang mit dem Model im Vordergrund stehen, hat Phil nicht jeden Schritt in Photoshop erklärt, sondern nur grundlegend angedeutet in welche Richtung die Bildbearbeitung geht.

Wir freuen uns einen so aufregenden Tag mit so vielen gemeinsamen Ideen und solch einem fantastischen Ergebnis erlebt zu haben. Abgesehen von den kleinen Drucken, die jeder Fotokurs-Teilnehmer bekommen wird, soll das Bild am Ende genau einmal möglichst groß gedruckt werden. Wir sind auf das Ergebnis gespannt.