Marcus-Brunnen am Liebfrauenkirchhof

Der Asphalt schimmert heute brünett unter dem späten grün im frühen Herbst. Flügel schlagen vergessenen Staub durch das Laub, als sich das Licht vom Westen her durch die bewegten Blätter bricht. Eine weiße Feder verflüchtigt sich im Gegenlicht der Sonne, wo ein älteres Ehepaar zwei Geldstücke in den Brunnen wirft und lächelt.

Ein Junge klettert auf der Seite hervor und übt sich an der Wasseroberfläche im Betrachten der eigenen Möglichkeiten: Groß werden die dunkelbraunen Augen, als sie sich erstmalig im Wasser wiederfinden, schüchtern wieder, als sie nicht ablassen können von ihm und seinen Gesten, dann greift er sich ans Hemd, guckt verlegen zur Seite, zieht eine Grimasse und geht lachend davon.

Über dem Bassin erhebt sich ein Turm aus Muschelkalk. Ihm inne wohnt ein altes, steinernes Gesicht. Es sieht nichts, es hört nichts, es gibt keine Verständigung zwischen den starren Augen und jenen, die sie betrachten. Es ist sich selbst so fremd und fern wie kein anderes Gesicht an diesem Tag. Doch dann:

Da sind die Augen eines Mannes, der bisher lehnend am Brunnen auf das Wasser starren musste, als wäre er selbst aus Stein – denn erst jetzt löst er sich aus seiner Arretierung. Er hat eine lederne Jacke aufgetragen, eine ehemals rote Schirmmütze und eine dicke Jeans mit weiten Beinen. Er schaut zur Seite: Jetzt, wo das Kind weg ist, kann er weitermachen.

Aus seiner Tasche führt er zwischen einer eingedrückten Packung Zigaretten und einem Feuerzeug einen kleinen, silbrigen Knopf hervor. Das lange schwarze Band, dessen Ende er sich um das Handgelenk legt, fährt er mit den Fingern ab wie der Geselle sein Gesellenstück. Dann senkt er wieder seinen Kopf und blickt in den Brunnen. Der Blick bleibt unerwidert. Auch das steinerne Gesicht gegenüber verzieht keine Mine. Dann beginnt die Jagd.

Er nimmt Maß, spannt den Senkel zwischen seinen Fingern über die Kante des Brunnens und als er dann zwei Münzen gleichzeitig aus dem Wasser zieht, belebt es sein Wesen so intensiv, dass ich es selbst aus der Entfernung spüren kann. Heute kommen die großen Geldstücke zuerst, er findet einen Euro, dann noch einen, dann eine 50 Cent Münze, vielleicht auch eine andere Währung – doch sein Blick bleibt der des Jägers, nicht des Sammlers. Er braucht das Geld, nicht das Gefühl.

Im Wasser bleiben: Eine weiße Blüte, eine Sonnenbrille mit der Aufschrift »Gin-Tonic«, einige weiße Federn, etwas welke Pracht und ein Euro und vierundfünfzig Cent.

So zieht er fort. Ein blondes Mädchen fragt ihre Mutter, ob sie ein paar Cent in den Brunnen werfen dürfe: »Das soll Glück bringen!«, sagt die Kleine aufgeregt, als ihre Hände schon die Wasseroberfläche berühren.

»Was ist schon Glück?!« sagt die Mutter, fast schweigend, versteinert.