Marrakesch
Im Gassengewirr der gleitenden Figuren schleiche ich wie ein Schatten durch das Licht. Flüsternd ahne ich den Weg, doch sehe ich ihn nicht: Das Rätsel verschiebt die vielen Steine, die Mauern führen fehl – entlang der Tore, Türen, Treppen und der trüben Scheibe, in den Katakomben wird es langsam kühl. Die Würfel fallen hin, die Münze rollt durch fallende Gassen, Erfahrung ist Gewinn, Sonne lässt verlorenes verblassen. Die neue Zeit – ein altes Spiel: Das Tableau voller Steine und Felder und der Weg ist das Ziel.

Der weise Meisterspieler hebt die Hände und senkt den Kopf. Es ist spät geworden. Ein kleines Licht formt jedes Jahr auf seiner gebrannten Haut zu einem Reflexpunkt, in dessen Gegenspiel ein jeder Schatten tiefe Furchen hinterlässt.

Der runde Raum im Turm der tausend Türen hat zwar keine Fenster, doch die schönste Aussicht: Auf einem ihn ganz und gar umgebenden Rund ragen die kunstvoll geschnitzten Minarette mannshoch in die Höhe, in Holz geschnittene Mauern verdichten sich zu Gassen und Gossen und Schirme zieren wie welkende Blumenfelder die Strassenzüge seines großen Rätsels.

Wenn der Himmel spät an Farbe verliert und sich also wieder der Staub über das Tableau legt wie ein Schleier, wenn dann kein menschliches Auge mehr sieht und kein Gedanke mehr etwas weiß, dann richtet er den Kopf nach oben und öffnet sein letztes Auge, um die Kuppel seines Turmes zu betrachten. Jede Fliese und jeder glasierte Stein seines einzigen Horizonts ist hier Teil eines prachtvollen Freskos, ist ein in Messing gegossener Stern oder blaue Weite, ist mal Wind und mal Wolke.

Doch noch ist die Nacht weit. In den geflochtenen Seilen seiner Seligkeit, die sich in der Mondsichel der obersten Kuppel im Sternenhimmel treffen, um sich auf den Handtellern seines Schosses wie die Wurzeln allen Wesens niederzulassen, hängt dieses Spiel und jedes Leben. Jeder Mensch ist eine Perle. Und durch jeden Zug bestimmt er, welchen Weg jede der Perlen nimmt…

Anfrage stellen Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Google+ teilen