02/2020
Fotograf: Phil Porter
Model: Moritz
Make-Up: Ilenia Mars

10 Jahre Phil Porter
Kein Grund, zu feiern.

Der 10. März 2010 war für mich die damals noch unbekannte Schönheit im verdichteten Boden meines Weges. Vor zehn Jahren habe ich meinen Entschluss, mich kreativ zu verwirklichen, einer keimenden Hoffnung nach inneren und äußeren Frieden folgend, vom Staat besiegeln lassen und meine Selbstständigkeit angemeldet.

Vorangegangen war eine Kindheit in Szenenbildern. Da gab es Sonnenstunden mit einer, über lange Zeit nicht mehr gewaschenen, die Temperatur des Sommers atmenden, orangenen Wolldecke auf dem satten Grün eines betörenden Garten Eden meiner Oma, welcher auf der Landkarte Bremens ausgerechnet in „Blumenthal“ verortet wurde.

Dort, wo die Hängematte zwischen Apfelbäumen sich wie ein Kokon um meinen schutzsuchenden Körper legte, es auch dann noch tat, als schon längst Winter war und ich – dick eingepackt – in den Himmel starrte, in der Hoffnung, meine Traurigkeit würde so schnell vorüberziehen, wie die Wolken, welche zwischen dem kahlen, nassen, Scherenschnitt-gearteten Geäst kein wirklicher Lichtblick, aber wohl Hoffnung gewesen sein müssen.

Dieser Traurigkeit vorausgegangen war ein Selbstmordversuch in der zweiten Klasse, der sich vor allen Dingen durch eine Sache in meinem Geist verfestigen sollte: Mit dem deutlichen Willen nämlich, zu leben.

Da war eine Kindheit, wie sie sinnlicher nicht sein konnte: Spaziergänge mit meiner Familie durch Wind und Wetter bei Watt und Wellen in Sahlenburg, wo die Straßennamen nicht „Alter Postweg“ oder „Dorfweg“ oder „Riesstraße“ waren, sondern „Muschelgrund“ – und auch so rochen: Nach Salz und See, nach Ferne und Freiheit… Ja, alles, was auf mich bis heute erregend wirkt – man stelle sich die Meerjungfrauen vor, die dieses Parfum lieben.

Hat man die menschliche Nähe überwunden, erschloss sich die freiheitliche Ferne, wo sich die Perspektive und der Blick auf den Horizont festsetzen sollten ebenso, wie die inspirierende Kraft einer Leere, die vom kindlichen Geist gefüllt werden möchte. Hier entstanden später meine ersten Fotoserien: Schlüssellöcher, übergroße Fantasiewesen, beobachtende Augen und schwarze kreisrunde Ballons waren die Szenenbilder meines eigenen Kopftheaters.

In das Watt kehrte ich später aus Verzweiflung zurück, stark betrunken, wankend durch den Schlick, in winterlicher Kälte, als das Gefühl, nicht geliebt zu werden, wieder übernahm.

Da war eine Kindheit, in der ich bei meinen Eltern im Sommergarten Bilder auf die Rückseite anderer Bilder malte, welche ich zuvor im Sperrmüll fand: Labyrinthe noch und nöcher, Papier um Papier, Fragezeichenboxen und Kräne, abstrahierte Kräne, Förderbänder, Pakete und Schläuche, aus denen Seifenblasen in den Himmel stiegen: Ich produzierte meine Gefühle und öffnete die Tore der eigenen Denkfabrik.

Es gab ständig neue Witze zum Mittag und Zaubertricks zum Abendessen und, weil das öffentlich-rechtliche Programm damals keine ehrliche Faszination in mir auslösen konnte: Eigene Silvester-Galas mit anschließendem Feuerwerk. Es gab mehr als einen Domino-Day im Wohnzimmer meiner Eltern, es gab Themenabende, Hindernisparcoure auf der Treppe und Tina-Turner-Parodien.

Und dann: Dieser egoistische Kerl, der sich plötzlich ermächtigen lernt, diese Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung, dieser sture Junge, der beweisen will, dass er für Glück verantwortlich sein möchte und kann. Der junge Mann, der auf Bühnen auftritt und sich Gehör verschafft, der Leuten ins Wort fällt, der Kämpfe kämpft und immerzu verliert, der niedergeschlagen wird und weiter schlägt, auch, wenn der Gegner ihn schon längst wieder in der Luft hält und die anderen lachen.

Dieses „sich-selbst-bewusst-werden“, das Selbstbewusst-sein… Es manifestierte sich schließlich in einem Schein-Erwachsensein und eben: Jener Selbstständigkeit, die ich heute jubilieren soll.

Was ich damals schon suchte, habe ich heute nicht gefunden. Das kindliche Paradies, indem Menschen friedlich und in Akzeptanz und Fürsorge zusammenleben, scheint heute ferner als damals. Ich wurde die ersten 20 Jahre meines Lebens für meine Kreativität und Leidenschaften mehrheitlich beschämt bis verstohlen angesehen, meine Homosexualität, meine Identität stets ins Lächerliche gezogen, meine Ideen und Fantasien entwertet und meine Stimme unterdrückt.

In der Selbstständigkeit kann ich mich entfalten: ich habe mich dem allgemeinen Konsens entzogen und kann meine Ideen umsetzen, wie ich es für richtig halte. Das ist jeden Tag aufs Neue ein wunderbares und zutiefst bewegendes Ereignis. In den Fotoshootings tauche ich wieder und wieder bis zum Muschelgrund, mit meinen Shows wie „La Rebelión“ und „What the hell?!“ gibt es in Bremen einen Schutzraum, indem sich Menschen entfalten können, die eigene Identität zelebrieren dürfen und mit dem „Salon Obscura“ habe ich einen Ort gefunden, der wie ein Traum funktioniert.

Doch um mich herum wird es dunkel und kalt. Kommunikation wird verkürzt und entmenschlicht, Schlagzeilen brauchen kaum mehr eine redaktionelle Aufbereitung, es genügt das große Wort und das drastische Tremolo aus Angst, Eifersucht und Bequemlichkeit.

Ich könnte kaum aufzählen, wer in dieser Welt alles ungerecht behandelt wird, wie viele Menschen von anderen Menschen beleidigt, unterdrückt, ausgebeutet, gequält und/oder bevormundet werden, wie viel Hass gelebt wird, statt im Leben zu lieben, wie viel diskutiert wird, und wie wenig unternommen.

Heute vor 10 Jahren habe ich den naheliegenden Entschluss gefasst, Kunst zu machen, um etwas zu verändern: Unsere Welt, meine Welt. Die Fantasie ist seit meiner Kindheit der Schlüssel zum Leben.

Hört auf Eure Kinder und schließt die Schlösser auf: Zu neuen Landschaften, neuen Panoramen, neuen Möglichkeiten und Eurem eigenen inneren Kind.

Happy Birthday,
Euer Phil Porter

Eiswette Bremen: Das tapfere Schneiderlein
Fotos von der Bremer Eiswette und den Vorbereitungen der Novizen

Die Eiswette in Bremen hat eine lange Tradition und bietet Jahr für Jahr am Dreikönigstag den Heerscharen an Besuchern ein unterhaltsames aber auch sehr politisches Spektakel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Vor allen Dingen der Schneider muss Jahr für Jahr fürchten, baden zu gehen, wenn die Weser wiedereinmal nicht zugefroren sein sollte.

Am 06. Januar 2020 habe ich als offizieller Fotograf der Novizen des Eiswett-Vereins „Eiswette von 1829“ erstmalig das Spektakel aus nächster Nähe fotografieren dürfen – von den Vorbereitungen bis zum Novizendinner, welches in diesem Jahr in der umgedrehten Kommode stattfand.

Was sich mir bot, war ein vollmundiges und unterhaltsames Spektakel – und obendrein ein sehr ästhetisches. Peter Lüchinger hat als Schneider großartig auf die aktuellen Debatten reagiert und den Balance-Akt zwischen ernsthaften Ermahnungen und augenzwinkernden Witzen perfekt gemeistert. Und übrigens: Die Weser geiht!

In diesem Beitrag gibt es eine kleine Auswahl aus den rund 500 entstandenen Bildern. Mehr Infos zur Eiswette gibt es auf der offiziellen Seite der Eiswettgesellschaft.

Neugestaltung des Eingangsbereichs der Bremer Helenenstraße
Unser Wettbewerbsbeitrag

Die inspirierende Kraft unserer Fantasie ist all das, was im Verborgenen glitzert. Die Arbeit im Rotlicht ist, wenn man so möchte, der letzte große Mythos unserer Zeit, das letzte große Geheimnis.

Um dieses große Geheimnis dreht sich die Ausschreibung der Städtischen Galerie Bremen, die einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Eingangsbereichs der Bremer Helenenstraße ausgerufen haben.

Alles, was wir über Rotlichtviertel zu wissen glauben, sind Mythen. Es sind Erzählungen, Klischees und Anekdoten – irgendwo zwischen Göttergeschichten und Potemkinschen Dörfern.

Auch, wenn so ziemliche jede Person eine Meinung zum Rotlicht hat, können nur wenige wirklich mehr äußern, mehr geben und mehr erzählen, als Vermutungen, weshalb der Nimbus der Sexarbeit trotz des ihr innewohnenden Plakativem weiter das „Versprechen“ bleibt, also die Fantasie.

In unserem Entwurf für die Helenenstraße im Viertel zeigen wir die beflügelnde Wirkung des Fantastischen, des Unerreichbaren und der Magie der nächtlichen Stadt.

Unser Bilder sollen inspirieren und zum Nachdenken anregen, sollen sichtbar und klar den Blick auf einen Bereich lenken, der sonst oft gemieden wird.

Wir wissen, dass mit etwas Farbe an der Wand kein Gesetz und keine Einstellung verändert wird. Wie können mit einem farbigen Bild nicht die Zustände verändern, doch wir können den Blick auf eine Zukunft lenken, können inspirieren und Vorbilder geben, können die Öffentlichkeit mit einbeziehen und Grenzen überwinden. Unser Entwurf ist ein Weg in die Zukunft, den wir zusammen mit den Anwohnern beschreiten möchten.

DAS VIERTEL IST BUNT!

Wir möchten unseren Teil zur Verschönerung unseres Stadtteils beitragen. Unser Konzept befriedet den Vorplatz und wirkt durch die Farbharmonien deeskalierend. Die bunten Farben stehen für Vielfalt, Toleranz, Offenheit und eine pluralistische Gesellschaft.

Das Mauerwerk der Wände der Helenenstraße ist in relativ schlechtem Zustand. Um den Putz der Wände nicht durch weitere Farben zu belasten, soll eine leichte, aber haltbare Unterkonstruktion gebaut werden,

Das Foto wird auf die Platten der Unterkonstruktion geklebt, sodass eine einheitliche, flächige Gestaltung erreicht wird.

Durch die Unterkonstruktion und Anbringung auf Platten wird gewährleistet, dass die Mauern auf Dauer – mehr als bei einem aufgemalten Wandbild – vor Vandalismus und Witterungsproblemen geschützt sind.

VORTEILE GEGENÜBER ANDEREN METHODEN

Ein weiterer Vorteil ist der einfache und kostengünstige Austausch einzelner Elemente, da die Folie geklebt wird und nicht die Konstruktion ausgetauscht werden muss. Einfacher gesagt: Es muss einfach nur ein neuer großer Sticker gedruckt werden. Die Folie ist zudem abwaschbar.

Im Gegensatz zu gemalten Bildern, ist eine Beklebung auch aufgrund des hohen Detailgrads, weitaus sinnvoller – Gerade bei gemalten Personen sieht eine möglicherweise nicht ganz perfekte Umsetzung unprofessionell aus. Um all diese Schwierigkeiten zu umgehen bauen wir auf das Konzept der geklebten Folie auf die Unterkonstruktion.

Durch die starken Farben und den assoziativen Motiven wird der Platz belebt und aufgewertet.

Kurzum: Bremen ist bunt! Es wird famos!

Du möchtest diese Bilder als Poster, Postkarte oder Fine-Art-Print erwerben?

Komm zu uns in die PHILPORTER Basilika in der Hollerstraße 6 im Bremer Viertel. Beide Bilder gibt es im Online-Shop in vielen verschiedenen Größen für dein Zuhause:

„Rauschende Nacht“ im PHILPORTER Online-Shop

„Ganz Leicht“ im PHILPORTER Online-Shop

Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion bei Facebook.

Pressespiegel:
25.02.2020 / BILD / Wettbewerb Helenenstraße: Bunte Ideen für die Schmuddelecke
21.02.2020 / Das Viertel / Neue Optik für die „Helene“

Birthe & Jens
Trauung Haus Hünenburg in Achim und After-Wedding-Shooting im Fairmont Hotel Royal Palm Marrakesch

Erst kalt, dann heiß: So könnte man wohl die Hochzeit von Birthe & Jens zusammenfassen. Zur standesamtlichen Trauung im Haus Hünenburg in Achim war der Herbst in seinen Anfängen noch stürmisch und unberechenbar – Wolken und Sonne tanzten einen Tango!

Im Haus Hünenburg war es zum Glück windstill – und bedeutend heißer, was nicht nur allein an der Heizung lag: Birthe & Jens geben sich gegenseitig großen Halt und Stärke. Und als wir uns wenige Tage später zum After-Wedding trafen, fanden wir uns plötzlich im Fairmont Hotel Royal Palm wieder – 3.382,2 Kilometer von Achim entfernt in Marrakech.

Die Kälte in Achim war schnell vergessen, denn hier herrschte die Sonne mit 40 Grad über die Liebe. Kein Wunder, dass wir am Ende in den Pool gesprungen sind.

Ihr wollt mich als Hochzeitsfotograf dabeihaben?

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Salon Obscura in der PHILPORTER Basilika
Wir sind schon ganz Feuer und Flamme, Euch die neuen Räumlichkeiten des „Salon Obscura“ in der PHILPORTER Basilika im Bremer Viertel zu präsentieren. Doch: Bis wir unsere neue Erlebnis-Ausstellung am 04. April 2020 offiziell eröffnen, vergehen Wochen der Sehnsucht nach Euren Augen – schließlich sind wir auf Eure geübten Blicke angewiesen und nicht unwesentlich exhibitionistisch veranlagt. Ruhe & Rausch liegen nah beieinander. Und unser Sturm & Drang fegt ungebändigt über den Vorplatz des ominösen Etablissements, welches wir Euch hier präsentierten werden… Wir können nicht widerstehen! Deshalb geben wir Euch in diesem Mag-Beitrag einen dezenten Einblick in die neue Ausstellung und zeigen Euch exklusiv die ersten neuen (und altbekannten) Poster-Motive.

Heute sind die Drucke der neuen Fine-Art Bilder angekommen, unter anderem ”Man in the Box” mit Model Fabiene Tietjen, “Ihr” mit Model Fabian Sasse und „Treffende Wahl“ mit Leo. Viele weitere Fotos werden Euch in den schummrigen Gängen des 6* Etablissements begegnen – und das beste ist: Alle Poster-Motive der Ausstellung sind für nur 20 Euro zu erwerben – und das bereits vor der offiziellen Eröffnung am 04. April 2020.

Taucht ein in die ominöse Welt der tausend Türen und entdeckt ein magisches Spiel zwischen Licht und Schatten. Wir freuen uns auf Euren Besuch.

Postergröße: A2 Poster (42cm x 59,4cm)

Poster-Vorbestellungen nehmen wir vorab gerne per Mail entgegen
Infos zur Eröffnung des Salon Obscura gibt es hier

Tausend Meilen vom Ufer fort in den Weiten des Ozeans, wo der Mond noch keine Konturen hat und in der Tiefe des Wassers vergeht, begab sich einst der schneidige Jacobs Christian Anderson mit seiner weißen kleinen Galeone, der „Varend Koraal“, im Jahre 1856 auf den „Weg der weißen Wellen“, hin zu einem nie kartografierten Punkt, wo sich der Sage nach „die schönste Perle in flüssiges Perlmutt verwandelt“. Dieses flüssige Perlmutt ist so wertvoll und selten, dass es – obwohl es schon tausende Seelen in die Tiefen gezogen hat – noch immer der Traum eines jeden Seemannes ist, nur einen guten Tropfen davon aufzufangen. Man sagt dem flüssigen Perlmutt magische Kräfte nach, gilt es doch noch heute über alle Landesgrenzen hinweg als die „Träne der weißen Unschuld“ und damit als größte Reliquie der sieben Weltmeere. Wer sie erlangt, soll ewig frei von Zorn und Lastern sein – doch wer sie verliert, wird, so die Geschichte, in den rauschenden Fluten ihrer Einsamkeit ertrinken.

Doch vorerst galt es für Jacobs Christian Anderson, sie zu erreichen. Und weil die Geschichten rund um die Göttin der Meere und ihre Tränen nie bewiesen, aber auch nie wirklich widerlegt werden konnten, fuhr er allein auf rauer See und nahm allerhand Torturen auf sich, um mit dem Kompass seines Vaters, seiner Zuversicht und dem kleinen Buch, indem sein alter Herr einst diese Geschichten notierte, den Punkt zu erreichen, an dem er niemals mehr Zorn empfinden sollte.

Es vergingen Tage und Nächte. Das Gold der Sonne konkurrierte mit dem königsblauen Umhang ruhiger Nächte, deren sanfte Wellen ihn in den Schlaf schaukelten, um seine Gunst. Soweit entfernt von aller Zivilisation, frei aller Sorgen, Zwängen und Konventionen erlebte Jacobs Christian Anderson das erste Mal die Vorzüge absoluter Freiheit. Hier, mitten auf dem Meer, musste er sich keine Gedanken machen über Gold und Silber, über Handel und Aufgaben. Kein anderes Schiff traute sich soweit hinaus in die Weite, wo der Horizont plötzlich greifbar wird. Er stellte eine silberne Münze vor die Sonne auf die Reling und kniete sich nieder. Nun stand das Silberstück auf der Linie des Horizonts. Solange er nicht gegen ihn fahren würde, amüsierte er sich, stünde die Münze stabil wie festgeklebt auf dem Geländer. Er sollte sich bald wundern.

Das Geräusch brechenden Holzes war von aggressivem Aufruhr zersetzt. Zusammen mit der Münze schoss Jacobs Christian Anderson über die Reling einige Meter Tief auf das Unterdeck und verlor nicht nur sein Bewusstsein, sondern auch eben jene Münze, die nun über die zerberstenden Bohlen rollend mit Effet ins Wasser sprang, welches sich in immer größerer Gier durch das Schiff schlängelte.

Als er wieder zu sich kam, trieb er unweit von der noch schwimmenden Hälfte seiner kleinen Galeone auf einem Stück zusammengehaltener Holzbretter. Träumte er? Was mag er wohl gedacht haben, als er sah, dass Teile des Bugs seiner „Varend Koraal“ die Wolken durchschnitten und einen großen Riss im Himmelszelt hinterlassen haben? Tatsächlich ist es wahr: Jacobs Christian Anderson ist gegen den Horizont gefahren. Die Freiheit, die endlose Weite… Ein Märchen! Wenn die Geschichten aus dem Buch seines Vaters wirklich nur Seemannsgarn gewesen sein sollten – diese hier war in der Realität verankert. Sicherheitshalber kniff er sich in den Unterarm. Doch – Es ist es ist wahr. Er träumte nicht. Er saß zwischen Wellen und Wolken auf einem kleinen Plateau aus Holz und sah seinem Schiff dabei zu, wie es in einem zerrissenen Stück des Himmels seine Anker lichtete. Das Wasser plätscherte sanft gegen die Rundung des Horizonts, die Sonne ließ das Meer weiß werden.

Doch dann… War da nicht etwas? Es war kaum hörbar. Ein undeutlicher Klang, weit entfernt von messerscharfer Klarheit und eingepackt in Truhen und Laken, so gedämpft und unscheinbar trat er an die Oberfläche, als der Klang mit kleinen Perlen aus Sehnsucht und Leidenschaft das Wasser verließ, um sich durch die Luft in seine Ohren zu legen. Nervös schaute er sich um. Da war es wieder.

Der Gesang hob erst seinen Geist in die Höhe und dann seinen Körper, drückte beides jedoch schnell wieder mit Lust und Macht zur Verneigung auf den Boden. Die Noten waren von sanfter Schönheit, aber in der Kunst ihrer Verführung sowohl geübt als auch gefährlich. Er schloss die Augen, einerseits, weil der Genuss und die Gier so groß und intensiv waren, andererseits, weil es nicht seiner Gewohnheit entsprach, gegen die eigenen Gefühle derart ankämpfen zu müssen. Er sah nicht, dass sich aus weiter Ferne eine Welle auftat, groß und weit wie der Himmel selbst und so tosend und wild wie ein Orkan. Er sah nicht, dass sie eine Krone trug aus Gischt und Geifer und sich wie die weiße Dame auf dem Schachbrett in hoher Geschwindigkeit auf ihn zubewegte, um ihr Spiel für sich zu gewinnen. Sein Bedürfnis, in den Klängen zu versinken, wurde ein körperliches. Erregt war er von dem süßen Säuseln der See, Schweißperlen funkelten auf seiner Stirn, rannen hinunter in die Fluten und gaben dem Meer das zurück, was vorher von der Hitze seines Fiebers vernichtet worden ist. Sein Herz schlug im Takt der immer höher werdenden Wellen, sein Pulsschlag vereinte sich mit dem des Meeres, süchtig war er nun, trunken von der See, von Salz an seinen Lippen und Augen so funkelnd wie das Meer, von flüssigem Perlmutt und weißen Wegen, von donnernder Gischt und ihn auspeitschenden Wellen.

Der Gesang gewann an Wucht, wurde aufbrausender, kletterte jetzt die Tonleiter rauf und runter, raste furios auf den aufschlagenden Wellen und stürzte sich dann wieder in die tiefen des Meeres um neuerdings wieder aufzutauchen. Jacobs Christian Anderson riss sich das zerschlissene Hemd vom Leib und wollte sich der See voll und ganz ergeben. Mit geschlossenen Augen und offener Geste empfing er die auf ihn zurollende Wand weißen Wassers wie das Segel den Wind und als Jacobs Christian Anderson seinen Kopf in den Nacken legte, um den Kuss der See zu empfangen, zerriss die Welle innerhalb eines Augenschlags alles, was einst seine Gegenwart und nunmehr eine Vergangenheit war. Mit dem Aufprall war die „Varend Koraal“ nur noch eine Erinnerung, genauso wie der Riss am Ende des Horizonts – er war, wie Jacobs Christian Anderson auch, verschwunden.

Vereint mit seiner Galeone sank Jacobs Christian Anderson dem Ruf der See folgend gen Untergang, genoss den Tiefenrausch mit allen Sinnen, atmete das Wasser ein und ließ es über die Lungen hin bis in sein Herz eindringen. Jede Vene war durchströmt von Wellen aus Salzwasser, er streckte und wandte sich in den Fluten und nun fand auch eine kleine Freudenträne ihren Weg in das Meer und ging die Verbindung ein, die ewig bleibt.

Taucht man unter dem Horizont hindurch, viele Meilen tief, dorthin wo sich Wolken und Wellen vereinen, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen Himmel und Erde, dort weint die Göttin der Meere in tiefer Trauer ihrer Sehnsucht und schreit die Namen ihrer verlorenen Seelen. Jede salzige Träne fließt zurück in das Meer, verleiht ihm neue Kraft und Größe. Jede ist das Leben, doch entsteht sie aufgrund der traurigen Gewissheit, dass jeder stirbt, der sie liebt. Nie wird sie einem ihrer Verehrer begegnen können, denn was ihre Luft zum Leben ist, ist für andere das sichere Ertrinken. Und so bleibt sie stets allein zurück mit der Freiheit, die das Meer verspricht. Doch dieses Versprechen macht einsam.

Fotograf / Text: Phil Porter
Model: Nicoletta
Maske: Ilenia Mars
Assistenz: Linus Klose, Ben Drücker, Max Hartmann
Kleid: Oldenburgisches Staatstheater
Mit besonderen Dank an Sabrina Tippmann

Du willst sehen, wie das Bild entstanden ist? Besuche jetzt die Backstage-Fotogalerie im PHILPORTER Mag.