BACKSTAGE NO 27

EIN VAMPIR,
DER BLUT WEINT.

FOTOS VON ZOÉ KOLLMANN,
BEN DRÜCKER & PHIL PORTER
Bremen, den 09.09.2020

Manch ein Foto hat seinen Ursprung in einem Moment, der vielleicht viele Jahre zurückliegt. Ein im Erleben selbst flüchtiger Eindruck braucht die Tiefe des Bewusstseins, um eines Tages lebendig werden zu können.

In den Gedanken versunken, verwandeln sich in diesem Prozess der Reifung vereinzelte Sinneseindrücke zu einem Motiv. Es reihen sich Perlen zu einer Kette und man begibt sich auf die Suche nach einer Person, welche dieses Collier aus Gedanken und Fantasien tragen wird.

Im Hinblick auf den Vampir, der Blut weint, fiel die Wahl ohne Umwege auf Felix Wendt: Durch Instragram empfahl sich sein Profil im wahrsten Wortsinn: Seine Augenbrauen… Mon Dieu: Wahre Schwingen, auf denen der eigene Blick gen Himmel reiten möchte… Und diese feinen Gesichtszüge, die jedes Licht wie ein Messer durchschneiden könnten.

Außerdem: Eine gewisse Ähnlichkeit zu Andrew Scott – seines Zeichens mein liebster Moriaty-Darsteller – ist zumindest von vorn nicht von der Hand zu weisen. Er war die Inkarnation meines Vampirs und nach ein paar Nachrichten hat Felix tatsächlich Blut geleckt. Metaphorisch.

Doch wie es zu der eigentlichen Idee des weinenden Vampirs kam, ist eine Geschichte, die viele Schauplätze hat.

Warum ein Foto
zum Thema Blutspende?

Männer, die Verkehr mit anderen Männern haben, dürfen zu diesem Zeitpunkt (September 2020) in Deutschland nur dann ihr Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang auf Sex verzichtet haben. Für viele Männer kommt dieses Reglement einem Blutspende-Verbot gleich, welches nur zu umgehen wäre, würde man lügen. Dabei sollte das Risikoverhalten entscheidend für die Auswahl der Spender sein, nicht ihre sexuelle Orientierung.

2016 habe ich mich erstmalig öffentlich gegen diese Diskriminierung stark gemacht: In Zeitungsartikeln (Beispiel: Weser-Kurier) berichtete ich von den fragwürdigen Regeln und schrieb auf meiner Internetseite über Eindrücke, Zuschriften und Neuigkeiten zum Thema Blutspende.

Vier Jahre später hat sich nicht wirklich etwas geändert. Zeit, dem Thema neuen Schwung zu geben.

Von der Blutspende
zur Blutträne

Dass der NDR eine Dokumentation zum Thema Blutspende erarbeitet, erfuhr ich mit einer gewissen Vorfreude per Mail. Wir arbeiteten bereits seit einiger Zeit an einem Motiv zum Thema »Blutspende-Verbot für Homosexuelle in Deutschland« und nahmen die Recherchen des NDR zum Anlass, unsere Planungen endlich in die Tat umzusetzen.

»Vereint sind wir im Verlust der Träne« sollte nach Fotografien wie »Glaube. Liebe. Hoffnung.« und »Coming Out« ein weiteres Bild werden, dass Stellung bezieht. Doch je länger ich am Konzept arbeitete, desto wichtiger wurde neben der eigentlichen Botschaft auch die Optik, die sie transportiert.

Natürlich waren Farben und Materialien schon immer wichtige Träger der Stimmung in meinen Arbeiten, doch wollte ich mich dieses Mal einem Bühnentrick bedienen:

In meinen Notizbüchern entdeckte ich beim Durchblättern zahlreiche Bildideen mit Hausaltären, in denen die Damen und Herren zu Heiligenfiguren stilisiert werden sollten. Jeder Altar wurde dazu massiv vergrößert, sodass die Menschen als Statuen oder Büsten in ihm wirken konnten. Seit Jahren wollte ich ein Foto umsetzen, in welchem dieser optische Trick zur Geltung kommt.

Doch wie sollte ein Mensch zu einer Büste und Statue werden können? Mit neuen Haaren, viel Make-Up und der richtigen Körperhaltung. Was für ein famoser Zufall, dass Felix Wendt auch Joga-Lehrer ist!

Farbe ins Spiel

Nachdem also die Konturen klar definiert waren und eine Form für die Umsetzung gefunden wurde, kam endlich Farbe ins Spiel. Die Farben sollten ganz und gar nicht düster und dunkel werden, wie man es gewöhnlich von Dracula-Interpretationen gewohnt ist.

Zuvor habe ich mich intensiver mit dem Totenkult in Mexiko beschäftigt und war beindruckt von der Anziehungskraft der orangenen Studentenblumen und den prächtig geschmückten Hausaltären.

Im Zusammenspiel mit der bunten Perrücke und dem Mühlensteinkragen entstand so eine Persiflage, eine Show.

Der Altar wurde zur Zirkusmanege, der Vampir zum Harlekin.

Ist Nächstenliebe verhandelbar?

Die Macht der Glaubensästhetik: Es ist erstaunlich, wie sehr Farben unsere Wahrnehmung verändern. Mit den zahlreichen Blumen und den vielen Perlen werden schnell Assoziationen geweckt. Ein Rosenkranz?! Rauschende Farben?! Eine Blüte zum Fest der Toten – Dazu bunte Kerzen und Schalen voller frischer Blüten?!

Ganz bewusst ist dieser Schrein keiner Religion zuzuordnen. Ich bediene mich großzügig am Repertoire der verschiedenen Weltreligionen, jedoch nicht der eigentlichen Bedeutung willen – vielmehr geht es um die Wirkung von Mustern und Farben, von Schönheit und um die Macht, die daraus entsteht. Sakrale Bauten sind für uns deshalb mächtig und beeindruckend, weil sie mit Form und Farbe Macht ausstrahlen. Ich bediene mich dieser Beeinflussung, um auch optisch eine Relevanz zu schaffen, und dem Thema eine angemessene Möglichkeit zur Interpretation zu bieten: Ist Nächstenliebe verhandelbar? Darf man gesunden Blutspendern den Akt der Nächstenliebe verwehren?

Eine Idee
wird Wirklichkeit

Am Tag der Umsetzung war mein Blut in Wallung: Wird alles funktionieren? Tatsächlich hatte ich zwar von Felix alle Infos bezüglich seines Körperbaus und seiner Größe bekommen, jedoch gab es vorher keine Stell- und Anprobe. Felix und ich sahen uns das erste Mal an eben jenem ersten Drehtag vor laufender Kamera.

Ilenia Marstaller war auch bei diesem Motiv für die Maske zuständig. Vorher haben wir einander besprochen, wie Felix in die Büste eines Vampirs verwandelt werden könne – doch ob ihm die Farben, Texturen und Formen auch stehen, konnten wir erst jetzt ausprobieren. Es funktionierte: Die Perrücke hatte die richtigen Proportionen, auch Felix selbst passte perfekt in den zersägten Altar und die Kerzen standen und brannten wie erhofft.

Felix, der selbst erstmalig bei einem derartigen Projekt vor der Kamera stand, fühlte sich schnell in seine Rolle ein und präsentierte mir zu kleinen Geschichten beeindruckende Empathie und die Gesichtsausdrücke, die ich mir erhofft hatte.

Einzig die Zähne wollten zu Beginn nicht mit dem Kleber halten – Doch zwischen Lippen und Zahnfleisch geklemmt, konnten sie ihre Wirkung dann vollends entfalten.

Blutspende-Verbot als Rätsel

Kunst kann direkt und plakativ sein, sie kann sich dem Betrachter verschließen oder ihn kokett beflirten. Im besten Fall bleibt sie im Gedächtnis und regt eben jenes an, ist also ein Rätsel, welches der Geist entschlüsseln möchte und vermittelt eine Geschichte, deren Ende noch erdacht werden muss.

Das Bild ist fertig. Doch die Geschichte müssen andere beenden.

»Vereint sind wir im Verlust der Träne« gibt es als A2-Poster in der Digital-Boutique und bei uns im Salon Obscura.

Model: Felix Wendt
Maske: Ilenia Marstaller
Assistenz: Ben Drücker / Zoé Kollmann

Mit herzlichen Dank an das Team vom NDR.